
Das deutsche Modell entspringt nicht unbedingt einem stärkeren Sozialgefühl, sondern handfesten Überlegungen. Jobgarantien gehen stets mit Vereinbarungen über flexiblere Arbeitszeiten einher. Für die rund 130.000 unbefristet Beschäftigten bei Autobauer Daimler beispielsweise sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2016 ausgeschlossen. Im Gegenzug ließ sich Konzernchef Dieter Zetsche Instrumente festschreiben, die den Konzern bei einer geringen Auslastung flexibler machen. Dazu gehört der Einsatz von Zeitarbeitern, die in der Krise nach Hause geschickt werden können, und die Möglichkeit, Festangestellte in stärker ausgelastete Bereiche zu versetzen.
Als besonders wirksam erweisen sich Arbeitszeitkonten, wie sie vor allem bei den vielen konjunkturempfindlichen Firmen zum Alltag gehören. Beim Werkzeugmaschinenbauer Trumpf sind im Boom bis zu 350 Plusstunden möglich, in schlechten Phasen dagegen 200 Minusstunden. Als Ausgleich für die unbezahlte Mehrarbeit verzichtet Trumpf bis 2016 auf betriebsbedingte Kündigungen. Ein ähnlich flexibles Arbeitsplatzmodell verhinderte schon in der letzten Krise Entlassungen und verzögerte den Einsatz von Kurzarbeit um viele Monate.
Gerade in der Wirtschafts- und Finanzkrise erwies sich eine weitere Eigenart deutscher Unternehmensführung als durchaus positiv: die konservative Bilanzierung. Als zur Jahreswende 2008/2009 schlagartig Aufträge ausblieben und bereits bestellte Waren storniert wurden, kamen nicht halb so viele Unternehmen ins Trudeln wie zunächst befürchtet wurde.
Spektakuläre Fälle wie die drohende Insolvenz Opels oder die Pleite des Handelskonzerns Arcandor tauchten groß in den Medien auf, waren aber nicht typisch für die tatsächliche Entwicklung. Statt des erwarteten Rekords von 40000 Firmeninsolvenzen stieg deren Zahl nur auf etwa 35000 pro Jahr. Jetzt ist sie schon wieder unter 30000 gefallen.
Einer der Gründe für die unerwartete Stabilität ist die solide Eigenkapitalquote von 40 Prozent, die sich die Firmen in den Boomjahren zuvor zugelegt hatten. Die meisten Firmen gingen den Leverage-Aposteln der Investmentbanken und angelsächsischen Investmentboutiquen nicht auf den Leim. Die predigten jahrelang die finanzielle Optimierung der Bilanzen. Demnach sollten billige Kredite genutzt werden, um Eigenkapital freizusetzen, Dividenden auszuschütten oder waghalsige Finanzierungskonstruktionen für Übernahmen zu riskieren.
Auf der Strecke blieben in der Krise denn auch vor allem solche Unternehmen, die von ihren Eigentümerfamilien aufgegeben worden waren - darunter viele Automobilzulieferer, die dann Finanzinvestoren gehörten und schon in den ersten Wochen der Krise zusammenbrachen. Die Mehrzahl der Unternehmen wusste sich dagegen zu helfen. Sie aktivierten Liquidität in Milliardenhöhe durch Abbau von Lagern und durch optimierte Produktionsabläufe.
Nach meinen Erfahrungen eine sehr zutreffende Darstellung. Nach langjähriger Arbeitserfahrung im Ausland, v.a.in Frankreich, bleibt m. E. anzumerken, dass dort oftmals der politische Wille nicht so ausgeprägt ist "langweilige" Aspekte wie Produktqualität, Kontinuität, Haltbarkeit oder Zuverlässigkeit wirklich ernst zu nehmen.Natürlich gibt es hier Ausnahmen mit namhaften Weltkonzernen wie z.B. Michelin, Air Liquide, L'Oréal, Danone, Saint Gobain,Hermès u.a. Warum aber ist es so z.B. in Frankreich verboten, dass ein Hersteller, dessen Produkt "gut" bei neutralen Warentests (z.B. UFC QUE CHOISIR) beurteilt wurde, damit auf seinen Verpackungen werben darf und er für gute Qualität belohnt wird? Die von der Bundesregierung vor vielen Jahrzehnten ins Leben gerufene Stiftung Warentest ist sicher ein besserer Weg breites Qualitätsbewusstsein zu fördern wo es für den Kunden nicht einfach nachzuvollziehen ist. Nicht aber in Frankreich, warum also mehr machen als das Minimum? Schade, denn pfiffig und einfallsreich sind die unsere Freunde "Outre Rhin" sicher, und wenn sie wollen, können sie auch exzellente Arbeit leisten. Dass Franzosen inzwischen eine bessere Geschwindigkeitsdisziplin auf den Strassen haben als wir Deutsche ist schliesslich auch nicht erstaunlich, denn hier bestand der politische Wille,und die "Motivation" der Menschen erfolgte durch die inzwischen sehr zahlreichen festinstallierten Radargeräte. Eigentlich könnte man sich in Deutschland freuen, denn hier boomt der Export. Allerdings sitzen wir alle im selben Boot "Euroland", und damit werden die Probleme unserer Nachbarn auch die unseren.
Der Fairnis halber darf man vielleicht ein Detail hinzufügen: Die (verspätet durchgestartete) deutsche Wirtschaft befand sich zu Beginn der Krise gerade im Höhepunkt des Konjunktur. In diesem Stadium ist es geradezu phänotypisch, sorgsam mit dem das Geld umzugehen, es zusammenzuhalten und Schulden abzubauen und (noch) nicht auf Gedeih und Verderben Marktanteile zusammenzukaufen. Nach der langen und tiefen Krise war die deutsche Industrie größtenteils vorsichtig - zum Glück. Der Rest Europas und Nordamerikas hingegen lebte schon seit langem in einem Aufschwung, der nicht zu enden schien (siehe einige Äußerungen Greenspans) und zeigte damit die typischen Erscheinungen einer Branche im Herbst eines Konjunkturzyklus: Träge, teuer geworden, Marktanteile werden für viel Geld hinzugekauft, Verschuldung wird hochgefahren. Bei einem solchen Stadium trifft eine so harte Rezession natürlich viel empfindlicher.
Die (jetzt glückliche) Rolle des für Deutschland arg verschobenen Konjunkturzyklus (man erinnere sich an den "kranken Mann", als wir kränkelten, während der Rest Europas boomte), hat nichts, aber auch rein gar nichts mit deutschen Tugenden zu tun hat, wird m.E. aber viel zu sehr übersehen.
Man sollte solche Zufälle aber nie unterschätzen und untebewerten, wenn man sich an einen grundlegenden Systemvergleich.
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