Das deutsche Erfolgsrezept heißt Fleiß und Langeweile

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Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und früherer Arbeitsminister. Quelle: dpa
Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und früherer Arbeitsminister. Quelle: dpa

Beim „Innovationsindikator“ belegt Deutschland Platz 4

Im "Innovationsindikator 2011" belegt Deutschland unter 26 Industriestaaten jetzt Rang vier. Mitte des letzten Jahrzehnts musste sich die Nation noch mit Platz zehn zufriedengeben. Die Studie des Fraunhofer-Instituts für Systemforschung und weiterer Forschungseinrichtungen belegt: Es wird nicht nur mehr geforscht, es werden daraus auch mehr Produkte entwickelt. Zur Stärke der Wirtschaft trägt auch die Konsenskultur zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern bei.

Nicht nur bei Tarifverhandlungen treffen die Kontrahenten aufeinander. Dafür sorgt das umstrittene Gesetz zur paritätischen Mitbestimmung in den Aufsichtsräten. Das verpflichtet Firmen ab einer bestimmten Größe, Arbeitnehmervertreter an der Firmenkontrolle zu beteiligen. In Deutschland sitzen sich Betriebsräte und Gewerkschafter auf der einen und Vertreter des Kapitals auf der anderen Seite täglich gegenüber. Mindestens 1000 Mal im Jahr treffen sich die Vertreter der sogenannten Bänke in den Aufsichtsräten und deren Ausschüssen. Und das sind nur die Zahlen der 160 wichtigsten börsennotierten Unternehmen.

Das Gesetz und die Geschäftsordnungen der Unternehmen erzwingen einen Konsens - der den Unternehmen guttut. Selbst hart umkämpfte Personalien wie kürzlich die Besetzung des RWE-Vorstandsvorsitzes enden oft mit einem Kompromiss, damit alle Beteiligten den Saal erhobenen Hauptes verlassen können. Offene Machtkämpfe wie beim Handelskonzern Metro sind selten, der Betriebsfrieden bleibt bis in die Top-Führungsebene gewahrt.

Was dieser Konsens nach dem deutschen Modell wert ist, zeigte sich nach den Krisenjahren 2008 und 2009. Deutschland hat sie bestens gemeistert. Trotz Globalisierung und Renditedrucks verzichteten die 30 Dax-Konzerne weitgehend auf Entlassungen. Damit waren immerhin 1,7 Millionen Jobs gesichert.

Arbeitsminister Olaf Scholz atmete zwar gemeinsam mit der verdutzten Öffentlichkeit auf, als er die frohe Botschaft nach dem Treffen mit den Dax-Vorständen im Januar 2009 verkünden konnte. Doch für mehr als die Hälfte der Unternehmen war solch eine Garantie nur die Wiederholung alter Tatsachen. Der Autobauer BMW beispielsweise hatte ohnehin vor, bis 2014 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.

Was viele Analysten und Betriebswirte als Rückfall in die alte deutsche Konsensgesellschaft abtaten, entpuppte sich als deutsches Erfolgsmodell. Denn als die Wirtschaft Ende 2009 genauso schnell wieder ansprang, wie sie zusammengebrochen war, mussten die Unternehmen keine neuen Fachkräfte suchen.

Mehr noch: Mit dem Verzicht auf Massenentlassungen vermieden die Firmen teure Sozialpläne, wie sie in den USA üblich sind. Diese belasten immer dann die Konzernbilanzen, wenn die Wirtschaft schwächelt. Das zeigten die Krisenjahre in den 70ern, 80ern und nach der Jahrtausendwende. Jedes Mal mussten die amerikanischen Konzerne Milliarden Dollar für Abfindungen und Sozialpläne bereitstellen.

  • 06.12.2011, 21:22 UhrAnonymer Benutzer: Dutyfree

    Nach meinen Erfahrungen eine sehr zutreffende Darstellung. Nach langjähriger Arbeitserfahrung im Ausland, v.a.in Frankreich, bleibt m. E. anzumerken, dass dort oftmals der politische Wille nicht so ausgeprägt ist "langweilige" Aspekte wie Produktqualität, Kontinuität, Haltbarkeit oder Zuverlässigkeit wirklich ernst zu nehmen.Natürlich gibt es hier Ausnahmen mit namhaften Weltkonzernen wie z.B. Michelin, Air Liquide, L'Oréal, Danone, Saint Gobain,Hermès u.a. Warum aber ist es so z.B. in Frankreich verboten, dass ein Hersteller, dessen Produkt "gut" bei neutralen Warentests (z.B. UFC QUE CHOISIR) beurteilt wurde, damit auf seinen Verpackungen werben darf und er für gute Qualität belohnt wird? Die von der Bundesregierung vor vielen Jahrzehnten ins Leben gerufene Stiftung Warentest ist sicher ein besserer Weg breites Qualitätsbewusstsein zu fördern wo es für den Kunden nicht einfach nachzuvollziehen ist. Nicht aber in Frankreich, warum also mehr machen als das Minimum? Schade, denn pfiffig und einfallsreich sind die unsere Freunde "Outre Rhin" sicher, und wenn sie wollen, können sie auch exzellente Arbeit leisten. Dass Franzosen inzwischen eine bessere Geschwindigkeitsdisziplin auf den Strassen haben als wir Deutsche ist schliesslich auch nicht erstaunlich, denn hier bestand der politische Wille,und die "Motivation" der Menschen erfolgte durch die inzwischen sehr zahlreichen festinstallierten Radargeräte. Eigentlich könnte man sich in Deutschland freuen, denn hier boomt der Export. Allerdings sitzen wir alle im selben Boot "Euroland", und damit werden die Probleme unserer Nachbarn auch die unseren.

  • 17.10.2011, 17:28 UhrAnonymer Benutzer: Alex

    Der Fairnis halber darf man vielleicht ein Detail hinzufügen: Die (verspätet durchgestartete) deutsche Wirtschaft befand sich zu Beginn der Krise gerade im Höhepunkt des Konjunktur. In diesem Stadium ist es geradezu phänotypisch, sorgsam mit dem das Geld umzugehen, es zusammenzuhalten und Schulden abzubauen und (noch) nicht auf Gedeih und Verderben Marktanteile zusammenzukaufen. Nach der langen und tiefen Krise war die deutsche Industrie größtenteils vorsichtig - zum Glück. Der Rest Europas und Nordamerikas hingegen lebte schon seit langem in einem Aufschwung, der nicht zu enden schien (siehe einige Äußerungen Greenspans) und zeigte damit die typischen Erscheinungen einer Branche im Herbst eines Konjunkturzyklus: Träge, teuer geworden, Marktanteile werden für viel Geld hinzugekauft, Verschuldung wird hochgefahren. Bei einem solchen Stadium trifft eine so harte Rezession natürlich viel empfindlicher.
    Die (jetzt glückliche) Rolle des für Deutschland arg verschobenen Konjunkturzyklus (man erinnere sich an den "kranken Mann", als wir kränkelten, während der Rest Europas boomte), hat nichts, aber auch rein gar nichts mit deutschen Tugenden zu tun hat, wird m.E. aber viel zu sehr übersehen.
    Man sollte solche Zufälle aber nie unterschätzen und untebewerten, wenn man sich an einen grundlegenden Systemvergleich.

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