Voraussetzung für den Siegeszug war, dass sich die Unternehmen spezialisierten, unrentable Bereiche abstießen und auf bloßes Wachstum durch Übernahmen verzichteten. Dieser Industrieumbau war zweifellos weniger spektakulär als die Erfindung des Onlinehandels oder milliardenschwere Firmenzukäufe. Aber der Umbau legte die Grundlage für den heutigen Erfolg.
Dadurch stiegen die Umsätze zwar kaum noch - auf Sicht von zehn Jahren bei den 100 größten deutschen Konzernen nur um zwölf Prozent. Dafür arbeiten sie aber so profitabel wie noch nie. Die Deutsche Post beispielsweise verabschiedete sich nach jahrelangen Verlusten sowohl aus den USA als auch vom unrentablen Expressgeschäft in Frankreich und Großbritannien. Das schmälerte zwar die Umsätze, steigerte aber die Nettomarge: Binnen eines Jahres schnellte sie von 0,6 auf den Rekordwert von 4,9 Prozent.
Auch der Chiphersteller Infineon entschied sich für die Devise: Small is beautiful. Der Münchener Dax-Konzern verkaufte nach Milliardenverlusten und einer drohenden Pleite alles, was keine Zukunft versprach. Die verlustreiche Mobilfunksparte ging an Intel, die drahtgebundene Kommunikation an einen Finanzinvestor und die Speicherchipsparte in eine eigenständige Aktiengesellschaft.
Das Ergebnis: Im abgelaufenen Geschäftsjahr setzte Infineon nur noch 3,3 Milliarden Euro um - nicht einmal halb so viel wie im Jahr 2007. Dafür blieben 2010 mit jedem Euro Umsatz 9,5 Cent Reingewinn übrig - 2007 waren es fünf Cent Verlust. Die inzwischen auf über zwei Milliarden Euro angehäuften Bargeldbestände sieht Vorstandschef Peter Bauer als Polster für schwierige Zeiten.
Gemeinsam ist vielen deutschen Konzernen auch, dass sie sich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben. Nachdem der Gasespezialist Linde seine Umsatzrendite in einem Jahr von 5,8 auf 8,3 Prozent gesteigert hatte, setzte Konzernchef Wolfgang Reitzle die Ziele noch höher an. Bis 2014 will er ein operatives Ergebnis von vier Milliarden Euro erreichen. Das wäre gegenüber dem Niveau des Rekordjahres 2010 ein Zuwachs von mehr als einem Drittel.
Symptomatisch in diesem Zusammenhang: Anders als der überwiegende Teil der Konzerne in der angelsächsischen Welt nannte Reitzle kein Umsatzziel. Größe und Bedeutung definieren sich bei den deutschen Firmen nicht nach Masse und Umsatz, sondern nach Gewinnen und Rentabilität. Ohne blinden Aktionismus, dafür aber überlegt und solide gehen deutsche Manager und Unternehmer auch in Forschung und Entwicklung vor. Sie verzichten auf Experimente. "Made in Germany" steht für Nachhaltigkeit und Qualität. Nachhaltig sind die Deutschen vor allem bei Patentanmeldungen. Mit ihrem Erfindergeist verweisen sie USA, Großbritannien oder Frankreich klar auf die Plätze.
Nach meinen Erfahrungen eine sehr zutreffende Darstellung. Nach langjähriger Arbeitserfahrung im Ausland, v.a.in Frankreich, bleibt m. E. anzumerken, dass dort oftmals der politische Wille nicht so ausgeprägt ist "langweilige" Aspekte wie Produktqualität, Kontinuität, Haltbarkeit oder Zuverlässigkeit wirklich ernst zu nehmen.Natürlich gibt es hier Ausnahmen mit namhaften Weltkonzernen wie z.B. Michelin, Air Liquide, L'Oréal, Danone, Saint Gobain,Hermès u.a. Warum aber ist es so z.B. in Frankreich verboten, dass ein Hersteller, dessen Produkt "gut" bei neutralen Warentests (z.B. UFC QUE CHOISIR) beurteilt wurde, damit auf seinen Verpackungen werben darf und er für gute Qualität belohnt wird? Die von der Bundesregierung vor vielen Jahrzehnten ins Leben gerufene Stiftung Warentest ist sicher ein besserer Weg breites Qualitätsbewusstsein zu fördern wo es für den Kunden nicht einfach nachzuvollziehen ist. Nicht aber in Frankreich, warum also mehr machen als das Minimum? Schade, denn pfiffig und einfallsreich sind die unsere Freunde "Outre Rhin" sicher, und wenn sie wollen, können sie auch exzellente Arbeit leisten. Dass Franzosen inzwischen eine bessere Geschwindigkeitsdisziplin auf den Strassen haben als wir Deutsche ist schliesslich auch nicht erstaunlich, denn hier bestand der politische Wille,und die "Motivation" der Menschen erfolgte durch die inzwischen sehr zahlreichen festinstallierten Radargeräte. Eigentlich könnte man sich in Deutschland freuen, denn hier boomt der Export. Allerdings sitzen wir alle im selben Boot "Euroland", und damit werden die Probleme unserer Nachbarn auch die unseren.
Der Fairnis halber darf man vielleicht ein Detail hinzufügen: Die (verspätet durchgestartete) deutsche Wirtschaft befand sich zu Beginn der Krise gerade im Höhepunkt des Konjunktur. In diesem Stadium ist es geradezu phänotypisch, sorgsam mit dem das Geld umzugehen, es zusammenzuhalten und Schulden abzubauen und (noch) nicht auf Gedeih und Verderben Marktanteile zusammenzukaufen. Nach der langen und tiefen Krise war die deutsche Industrie größtenteils vorsichtig - zum Glück. Der Rest Europas und Nordamerikas hingegen lebte schon seit langem in einem Aufschwung, der nicht zu enden schien (siehe einige Äußerungen Greenspans) und zeigte damit die typischen Erscheinungen einer Branche im Herbst eines Konjunkturzyklus: Träge, teuer geworden, Marktanteile werden für viel Geld hinzugekauft, Verschuldung wird hochgefahren. Bei einem solchen Stadium trifft eine so harte Rezession natürlich viel empfindlicher.
Die (jetzt glückliche) Rolle des für Deutschland arg verschobenen Konjunkturzyklus (man erinnere sich an den "kranken Mann", als wir kränkelten, während der Rest Europas boomte), hat nichts, aber auch rein gar nichts mit deutschen Tugenden zu tun hat, wird m.E. aber viel zu sehr übersehen.
Man sollte solche Zufälle aber nie unterschätzen und untebewerten, wenn man sich an einen grundlegenden Systemvergleich.
2 Kommentare
Alle Kommentare lesen