
Der Spitzenmanager eines britischen Konzerns erzählt ein Beispiel, um die Fehler in der Industriepolitik seiner Heimat zu zeigen: "Ein junger Brite, der ein Praktikum in Deutschland machte, berichtete mir erstaunt: Junge deutsche Ingenieure erzählen ihrer neuen Freundin schon bei der ersten Verabredung voller Stolz von ihrem Beruf." Briten würden so etwas am liebsten verschweigen, denn so ein Job sei "einfach nur uncool". Bewundert würde aber, wer in der Finanzbranche arbeite.
Diese Anekdote wirft ein Schlaglicht auf die Probleme der britischen Wirtschaft. Das Land hat jahrzehntelang auf den Finanzsektor als Wirtschaftsmotor gesetzt und den Niedergang des produzierenden Gewerbes zugelassen. Die Finanzkrise hat die Risiken dieses einseitigen Wirtschaftsmodells offenbart und markiert nun sein Ende.
Heute arbeitet nur noch einer von zwölf Briten in der Industrie, aber mehr als jeder Fünfte im Finanzsektor und mehr als ein Drittel in anderen Dienstleistungsbranchen, die direkt von Banken, Hedge-Fonds und Versicherungen in Londons City abhängig sind. Angetrieben hat diese Entwicklung vor mehr als zwei Jahrzehnten die damalige Premierministerin Margaret Thatcher, die die bis dahin streng abgeschirmte Finanzbranche liberalisierte.
Damit gelang zunächst die Wiederauferstehung der Wirtschaftsmacht Großbritannien. Doch inzwischen ächzt Londons City unter den Folgen der Krise.
Als Premierminister David Cameron im Frühjahr 2010 an die Macht kam, kündigte er daher an: Es müsse eine neue Balance zwischen Finanzbranche, Dienstleistungen und dem verarbeitenden Gewerbe geben, eine Renaissance der Industrie. Doch eine Lösung hat er noch nicht präsentiert.
Zwar hat das Land noch produzierende Unternehmen von Weltrang - etwa Europas größten Verteidigungskonzern BAE Systems, den Triebwerkhersteller Rolls-Royce und die Pharmariesen Glaxo SmithKline. Doch Experten warnen, das Land könnte aus der Liste der zehn führenden Industrienationen verschwinden, wenn sich nicht langsam die Rahmenbedingungen für die Unternehmen änderten.
Nach meinen Erfahrungen eine sehr zutreffende Darstellung. Nach langjähriger Arbeitserfahrung im Ausland, v.a.in Frankreich, bleibt m. E. anzumerken, dass dort oftmals der politische Wille nicht so ausgeprägt ist "langweilige" Aspekte wie Produktqualität, Kontinuität, Haltbarkeit oder Zuverlässigkeit wirklich ernst zu nehmen.Natürlich gibt es hier Ausnahmen mit namhaften Weltkonzernen wie z.B. Michelin, Air Liquide, L'Oréal, Danone, Saint Gobain,Hermès u.a. Warum aber ist es so z.B. in Frankreich verboten, dass ein Hersteller, dessen Produkt "gut" bei neutralen Warentests (z.B. UFC QUE CHOISIR) beurteilt wurde, damit auf seinen Verpackungen werben darf und er für gute Qualität belohnt wird? Die von der Bundesregierung vor vielen Jahrzehnten ins Leben gerufene Stiftung Warentest ist sicher ein besserer Weg breites Qualitätsbewusstsein zu fördern wo es für den Kunden nicht einfach nachzuvollziehen ist. Nicht aber in Frankreich, warum also mehr machen als das Minimum? Schade, denn pfiffig und einfallsreich sind die unsere Freunde "Outre Rhin" sicher, und wenn sie wollen, können sie auch exzellente Arbeit leisten. Dass Franzosen inzwischen eine bessere Geschwindigkeitsdisziplin auf den Strassen haben als wir Deutsche ist schliesslich auch nicht erstaunlich, denn hier bestand der politische Wille,und die "Motivation" der Menschen erfolgte durch die inzwischen sehr zahlreichen festinstallierten Radargeräte. Eigentlich könnte man sich in Deutschland freuen, denn hier boomt der Export. Allerdings sitzen wir alle im selben Boot "Euroland", und damit werden die Probleme unserer Nachbarn auch die unseren.
Der Fairnis halber darf man vielleicht ein Detail hinzufügen: Die (verspätet durchgestartete) deutsche Wirtschaft befand sich zu Beginn der Krise gerade im Höhepunkt des Konjunktur. In diesem Stadium ist es geradezu phänotypisch, sorgsam mit dem das Geld umzugehen, es zusammenzuhalten und Schulden abzubauen und (noch) nicht auf Gedeih und Verderben Marktanteile zusammenzukaufen. Nach der langen und tiefen Krise war die deutsche Industrie größtenteils vorsichtig - zum Glück. Der Rest Europas und Nordamerikas hingegen lebte schon seit langem in einem Aufschwung, der nicht zu enden schien (siehe einige Äußerungen Greenspans) und zeigte damit die typischen Erscheinungen einer Branche im Herbst eines Konjunkturzyklus: Träge, teuer geworden, Marktanteile werden für viel Geld hinzugekauft, Verschuldung wird hochgefahren. Bei einem solchen Stadium trifft eine so harte Rezession natürlich viel empfindlicher.
Die (jetzt glückliche) Rolle des für Deutschland arg verschobenen Konjunkturzyklus (man erinnere sich an den "kranken Mann", als wir kränkelten, während der Rest Europas boomte), hat nichts, aber auch rein gar nichts mit deutschen Tugenden zu tun hat, wird m.E. aber viel zu sehr übersehen.
Man sollte solche Zufälle aber nie unterschätzen und untebewerten, wenn man sich an einen grundlegenden Systemvergleich.
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