Das deutsche Erfolgsrezept heißt Fleiß und Langeweile

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Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Quelle: AP
Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Quelle: AP

„Nicht jeder technische Trend, verkauft sich auch“

Dennoch sind wir bei der Entwicklung von Neuheiten langsamer als die Konkurrenz im Ausland. "In Sachen Innovation sind deutsche Unternehmen prinzipiell eher konservativ", konstatiert Klaus-Peter Gushurst, Deutschlandchef der Strategieberatung Booz & Company. "In vielen konsumentennahen Branchen haben deutsche Unternehmen einen geringeren Innovationsrhythmus als amerikanische Unternehmen", ergänzt Oliver Gassmann, Professor für Innovationsmanagement der Universität St. Gallen.

"Deutsche ersetzen die Trial & Error-Mentalität der US-Unternehmen durch eine ausgeprägte Marktforschung." Darin liegt die Stärke deutscher Unternehmen: Sie können exzellent abschätzen, in welchen Bereichen sich Innovationen mittel- und langfristig lohnen und wo nicht. "Nicht jeder technische Trend, der gerade gehypt wird, verkauft sich auch", sagt Gushurst.

Ein Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen ist die Beständigkeit ihres Handelns. Sie machen weder jede Mode mit, noch opfern sie ihre Werte für kurzfristige Renditehoffnungen. "Quartalsdenke ist tödlich für Innovationen", sagt Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Mittelständische Betriebe, die meist von Familien geführt werden, seien fast doppelt so innovativ wie die Großen. "Weil sie langen Atem beweisen", begründet Bullinger.

Das langfristige Denken ist eine der ganz großen Stärken der deutschen Wirtschaft. Gerade in Krisenzeiten, so Siemens-Forschungschef Reinhold Achatz gegenüber dem Handelsblatt, spiele das die entscheidende Rolle. "Internationale Wettbewerber identifizieren neue technologische Themen oft - und akquirieren dann." Dagegen setzten Unternehmen hierzulande auf Kontinuität in der Entwicklung im eigenen Haus und bei den eigenen Werten. "Das ist eine der Stärken Deutschlands. In schwierigen Zeiten ist es so auch leichter, die Kontinuität zu wahren, als wenn man nur auf Finanztransaktionen setzt."

Trotzdem schmerzt ein Handicap. Erfunden wird viel in Deutschland, gewinnbringende Produkte machen aber japanische oder amerikanische Unternehmen daraus. Den MP3-Player oder den Tintenstrahldrucker etwa haben deutsche Unternehmen erfunden, vermarktet haben sie aber ausländische Konzerne wie Apple den MP3-Player mit seinem iPod. Die Industrie arbeitet aber schon erfolgreich daran, dieses Handicap zu überwinden.

  • 06.12.2011, 21:22 UhrAnonymer Benutzer: Dutyfree

    Nach meinen Erfahrungen eine sehr zutreffende Darstellung. Nach langjähriger Arbeitserfahrung im Ausland, v.a.in Frankreich, bleibt m. E. anzumerken, dass dort oftmals der politische Wille nicht so ausgeprägt ist "langweilige" Aspekte wie Produktqualität, Kontinuität, Haltbarkeit oder Zuverlässigkeit wirklich ernst zu nehmen.Natürlich gibt es hier Ausnahmen mit namhaften Weltkonzernen wie z.B. Michelin, Air Liquide, L'Oréal, Danone, Saint Gobain,Hermès u.a. Warum aber ist es so z.B. in Frankreich verboten, dass ein Hersteller, dessen Produkt "gut" bei neutralen Warentests (z.B. UFC QUE CHOISIR) beurteilt wurde, damit auf seinen Verpackungen werben darf und er für gute Qualität belohnt wird? Die von der Bundesregierung vor vielen Jahrzehnten ins Leben gerufene Stiftung Warentest ist sicher ein besserer Weg breites Qualitätsbewusstsein zu fördern wo es für den Kunden nicht einfach nachzuvollziehen ist. Nicht aber in Frankreich, warum also mehr machen als das Minimum? Schade, denn pfiffig und einfallsreich sind die unsere Freunde "Outre Rhin" sicher, und wenn sie wollen, können sie auch exzellente Arbeit leisten. Dass Franzosen inzwischen eine bessere Geschwindigkeitsdisziplin auf den Strassen haben als wir Deutsche ist schliesslich auch nicht erstaunlich, denn hier bestand der politische Wille,und die "Motivation" der Menschen erfolgte durch die inzwischen sehr zahlreichen festinstallierten Radargeräte. Eigentlich könnte man sich in Deutschland freuen, denn hier boomt der Export. Allerdings sitzen wir alle im selben Boot "Euroland", und damit werden die Probleme unserer Nachbarn auch die unseren.

  • 17.10.2011, 17:28 UhrAnonymer Benutzer: Alex

    Der Fairnis halber darf man vielleicht ein Detail hinzufügen: Die (verspätet durchgestartete) deutsche Wirtschaft befand sich zu Beginn der Krise gerade im Höhepunkt des Konjunktur. In diesem Stadium ist es geradezu phänotypisch, sorgsam mit dem das Geld umzugehen, es zusammenzuhalten und Schulden abzubauen und (noch) nicht auf Gedeih und Verderben Marktanteile zusammenzukaufen. Nach der langen und tiefen Krise war die deutsche Industrie größtenteils vorsichtig - zum Glück. Der Rest Europas und Nordamerikas hingegen lebte schon seit langem in einem Aufschwung, der nicht zu enden schien (siehe einige Äußerungen Greenspans) und zeigte damit die typischen Erscheinungen einer Branche im Herbst eines Konjunkturzyklus: Träge, teuer geworden, Marktanteile werden für viel Geld hinzugekauft, Verschuldung wird hochgefahren. Bei einem solchen Stadium trifft eine so harte Rezession natürlich viel empfindlicher.
    Die (jetzt glückliche) Rolle des für Deutschland arg verschobenen Konjunkturzyklus (man erinnere sich an den "kranken Mann", als wir kränkelten, während der Rest Europas boomte), hat nichts, aber auch rein gar nichts mit deutschen Tugenden zu tun hat, wird m.E. aber viel zu sehr übersehen.
    Man sollte solche Zufälle aber nie unterschätzen und untebewerten, wenn man sich an einen grundlegenden Systemvergleich.

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