
DÜSSELDORF. Alle Dax-Konzerne bieten derzeit Arbeitsplätze an. Sogar die teilverstaatlichte Commerzbank will Mitarbeiter einstellen, wenn auch nur 43. Am begehrtesten sind Ingenieure. Thyssen-Krupp etwa sucht Verfahrenstechniker, Werkstoffkundler, Experten in der Metallurgie und Elektrotechniker, RWE Ingenieure für den Kraftwerksbau und die Projektleitung.
Fast ebenso dringlich fahnden Unternehmen nach qualifizierten IT-Spezialisten, Mathematikern und Naturwissenschaftlern. Sozial- und Geisteswissenschaftler haben es zwar schwerer, nach dem Studium in der Industrie unterzukommen. Aber der weltgrößte Chemiehersteller BASF und der Stromversorger Eon beispielsweise halten auch nach Geisteswissenschaftlern Ausschau, weil sie gezielt Quereinsteiger einstellen wollen, um neue Impulse zu bekommen.
Insgesamt suchen die 30 Dax-Konzerne derzeit 14 243 Mitarbeiter in Deutschland, jeder also durchschnittlich 475. Angesichts des ungebrochenen Trends zur Internationalisierung ist das ein beachtlicher Wert. Denn die Mehrheit der Beschäftigten, insgesamt 2,17 Millionen, arbeitet längst im Ausland. In Deutschland beschäftigen die 30 wichtigsten Unternehmen hingegen nur 1,56 Millionen Mitarbeiter - Tendenz Jahr für Jahr sinkend.
Bei VW arbeiten die Beschäftigten heute um 25 Prozent effizienter als vor zehn Jahren
Die vielen offenen Stellen belegen: Der Fachkräftemangel, vor dem viele Experten schon lange warnen, ist in vielen Bereichen der Industrie bereits Realität. Deshalb müssten die Personalabteilungen ihren Blick zunehmend auch auf ausländische Fachkräfte richten. "Wollen wir unsere Ingenieurskraft und damit unseren technischen Vorsprung in wichtigen Feldern behalten, brauchen wir neue, junge Talente, die wir in Deutschland nicht mehr in ausreichender Menge finden werden", resümiert Peter Englisch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.
Dass die vielen exportorientierten Industriekonzerne trotz der im Vergleich zu Deutschland oft viel niedrigeren Löhne im Ausland überhaupt noch so viele Mitarbeiter für die hiesige Produktion suchen, hat einen einzigen Grund: die steigende Produktivität. So legte im verarbeitenden Gewerbe das Produktionsergebnis je Beschäftigten im vergangenen Jahrzehnt um ein Fünftel, in der chemisch-pharmazeutischen Industrie sogar um ein Drittel zu.
Bei Volkswagen beispielsweise arbeiten die Beschäftigten heute um 25 Prozent effizienter als noch vor zehn Jahren, wenn man Produktivität als Umsatz je Mitarbeiter definiert. Das errechnete das Center of Automotive an der Fachhochschule in Bergisch Gladbach. Beim Premiumhersteller BMW erhöhte sich der Umsatz je Mitarbeiter sogar um 40 Prozent.
Die Produktivitätsvorteile ermöglichen es den Unternehmen, qualifiziertes Personal in Deutschland zu halten und neu einzustellen. Doch trotz des akuten Personalbedarfs sollten sich Bewerber gut auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten. So gingen im vergangenen Jahr bei der Lufthansa nicht weniger als 115 000 Bewerbungen ein. Bei 4 000 offenen Stellen im laufenden Jahr käme demnach nur jeder 29. Bewerber zum Zuge.