Strategie

_

Work-Life-Balance: Die Entmystifizierung des Workaholics

In Deutschland scheint eine Trendwende begonnen zu haben: Die Deutschen arbeiten weniger und faulenzen mehr - und geben das auch noch zu. Die Feierabend-Industrie boomt.

Kräutervitalbad in der Sächsischen Schweiz: Entspannung statt drei Dosen Red Bull am Tag. Quelle: dpa
Kräutervitalbad in der Sächsischen Schweiz: Entspannung statt drei Dosen Red Bull am Tag. Quelle: dpa

DüsseldorfMan findet sie im Zug, zum Beispiel im ICE um 19.06 Uhr von Hamburg nach Berlin: die Feierabendmacher. Pendler, die Telefone, Tablets und Computer schon ausschalten, bevor das Netz kurz hinter Bergedorf zusammenbricht. Sie klappen die Lehne zurück, setzen die großen Kopfhörer auf und schließen die Augen. Sie holen sich eine Flasche Rotwein aus dem Bordrestaurant. Sie kennen sich nicht, aber sie plaudern über die politische Lage oder darüber, was gerade im Kino läuft – bloß nicht über die Arbeit. In Berlin trennt man sich ohne Aufhebens wieder voneinander. Es geht nicht um langfristige Bekanntschaften. Es geht um den Feierabend-Moment.

Anzeige

Feierabend ist ein urdeutsches Wort, es gehört zum Gefühlshaushalt der Nation wie Pietismus und Gemütlichkeit. Was dazu zählt und was nicht, wechselt ständig – und es sagt viel über die Deutschen, ihr Verhältnis zur Arbeit und ihr Verhältnis zu sich selbst. Derzeit findet ein überraschender Wandel statt: die Deökonomisierung des Feierabends. Das ist zunächst nicht offensichtlich, denn wie misst man, was sich nicht messen lässt, wie misst man das Nichts, die Abwesenheit von etwas?

Was bei der Arbeit stresst

  • Verantwortung

    Was sorgt im Büro für Stress? Der Personaldienstleister Robert Half hat im höheren Management nach den wichtigsten Gründen gefragt. Dabei gaben 18 Prozent der Befragten zu viel Verantwortung oder ständiges an die-Arbeit-denken auch in der Freizeit als Grund für Stress bei der Arbeit an. Nur in Tschechien können die Beschäftigten außerhalb des Arbeitsplatzes schwerer abschalten - dort gaben 28 Prozent an, dauernd an die Arbeit denken zu müssen. Auf der anderen Seite der Skala ist Luxemburg: nur fünf Prozent haben dort dieses Problem.

  • Stressfrei

    Keinen Stress haben dagegen nur sieben Prozent der deutschen Befragten. Genauso niedrig ist der Anteil derer, die ihren aktuellen Job nicht mögen.

  • Druck von oben

    Unangemessener Druck vom Chef nannten 27 Prozent der Befragten hierzulande als Stressgrund. In Brasilien sind es dagegen 44 Prozent.

  • Chefqualitäten

    Wenn der Chef sich eher um sein Handicap kümmert, statt ordentlich zu führen: 28 Prozent der Befragten sind mit der Managementfähigkeit des Chefs unglücklich. Das Unvermögen des führenden Managers, das zu Stress führt, scheint in Luxemburg relativ unbekannt zu sein - nur 11 Prozent der Befragten sind dort mit den Befragten unglücklich, in Dubai sind es gar neun Prozent.

  • Büroklatsch

    Dass unangenehme Kollegen oder fieser Büroklatsch zu Stress führen kann, ist allgemein bekannt. Dementsprechend führen auch 31 Prozent der Befragten das als Stressgrund an - der Anteil derer, die das ähnlich sehen, liegen in allen anderen Ländern fast gleich hoch - außer in Brasilien: 60 Prozent der Befragten geben unangenehme Kollegen und fiesen Büroklatsch als Stressgrund an.

  • Unterbesetzung

    Ein weitere Stressgrund: personelle Unterbesetzung. 41 Prozent der Befragten sehen das als wichtigen Grund für Stress bei der Arbeit an - ein Wert, der fast in allen Ländern ähnlich ist.

  • Arbeitsbelastung

    Doch am problematischsten, laut der Studie: die hohe Arbeitsbelastung. 51 Prozent der Befragten gaben dies als Stressgrund an. Deutschland liegt damit im Schnitt, auch in den anderen elf Ländern ist ein ähnlich hoher Anteil der gleichen Meinung.

Mit Beginn des Industriezeitalters entstand die Sehnsucht nach einem Gegenbild zur Arbeitswelt. Städter gründeten Wander- und Alpenvereine oder wenigstens eine Kleingartenkolonie. Millionen zogen an den Stadtrand, um Arbeit und Freizeit räumlich möglichst weit voneinander zu entfernen. Bis die Idee aufkam, Arbeit und Freizeit müsse man nicht trennen, könne es auch nicht mehr. Doch wie es aussieht, verliert diese Idee schon wieder an Strahlkraft, in der Geschichte der Industrialisierung wäre sie nur ein Wimpernschlag. Denn eine wachsende Zahl von Menschen schottet sich nach der Arbeit von der Arbeit ab, strebt ins Freie.

  • 28.01.2013, 11:42 UhrKatymay

    Als Britin habe ich immer den Eindruck gehabt, dass ein kleiner Anteil der Deutschen wahsinnig hart arbeitet und die restliche Bevölkerung trägt. Im Uk ist die Kontraste nicht so stark

  • 28.01.2013, 10:02 Uhrernstburger

    Ich habe gerne und lange gearbeitet, weil es mir Spaß machte. Ich finde es traurig, wenn hier einer schreibt 95 %
    der Belegschaft sind ihm unsympatisch. Warum geht er dann nicht. Jammern auf höchstem Niveau anstatt sein Leben in die Hnad zu nehmen. Leistung und Erfolg beflügeln

  • 27.01.2013, 20:30 Uhrgast

    dann aber hopp-hopp wieder an die Arbeit. Franzosen und Griechen möchten mit 60 in Rente gehen.

  • Die aktuellen Top-Themen
Keine Volkswagen-Werbung: Der Super Bowl verliert sein super Image

Der Super Bowl verliert sein super Image

Der Super Bowl ist das größte Werbeevent des Jahres – doch Volkswagen und andere Autobauer ziehen ihre Werbung zurück. Fehlende Sponsoren, besorgte Eltern und zahlreiche Klagen: Der Football steckt mitten in einer Krise.

Medienbericht: Amazon will neuen Streaming-Dienst starten

Amazon will neuen Streaming-Dienst starten

Wer Prime-Mitglied beim Online-Händler Amazon ist, hat Zugang zu der Streaming-Videothek. Nun will der Versandhändler einen Streaming-Dienst anbieten, der neben der Prime-Mitgliedschaft existiert.

Vorsichtiger Ausblick: Bosch verliert die Zuversicht

Bosch verliert die Zuversicht

Der Automobilzulieferer Bosch ist nicht mehr ganz so optimistisch gestimmt. Für die Zukunft ist Bosch-Chef Denner vorsichtig, weil sich das wirtschaftliche Umfeld eingetrübt habe. Beim Gewinn bleibt die Zuversicht.

  • Business-Lounge
Business-Lounge: Die großen Auftritte der Entscheider

Die großen Auftritte der Entscheider

Premieren, Feste, Symposien oder Jubiläumsfestivitäten – es gibt viele Anlässe, bei denen die Größen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Verfolgen Sie die Auftritte in Bildern.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DEUTSCHLANDS ANZEIGENPORTAL FÜR UNTERNEHMENS-VERKAUF UND UNTERNEHMENSNACHFOLGE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Verkaufsangebote Verkaufsgesuche




 

.