Strauß-Prozess
Max und die Müdigkeit

Wegen Millionen-Zahlungen des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber muss sich Max Strauß erneut vor Gericht verantworten - und fühlt sich nur bedingt verhandlungsfähig.

AUGSBURG. Schuldunfähig. Richard Gruber hört dieses Wort fast täglich. Wenn ein Täter betrunken war zum Beispiel. Das ist so ein Fall, den er prüfen muss. Und der kommt "mehrere hundert Mal im Jahr vor". Ist aber meist schnell erledigt. Langwieriger sind die Härtefälle. Wenn getötet wird und Gruber feststellen muss, ob es aus Affekt geschah - oder der Beschuldigte vielleicht an Schwachsinn leidet. "Intelligenzstörung" sagt Gruber. Das klingt freundlicher.

Richard Gruber ist Landgerichtsarzt in Augsburg, eine Position, die es so nur in Bayern gibt. Grau ist sein Bart, und wenn er spricht, legt sich seine hohe Stirn in Falten. Untersuchungen zur Schuldunfähigkeit sind für ihn Routine. Viel seltener muss er dagegen die Verhandlungsfähigkeit eines Angeklagten überprüfen. Nur im Jahr 2004 war das anders. Da musste Gruber einem 45-Jährigen, der unter Depressionen litt, gleich mehrfach attestieren: "Sie stehen das durch. Sie schaffen das." Der 45-Jährige hieß Max Strauß.

Der ist seit gestern wieder da, in Augsburg - und mit ihm die Frage nach seiner Gesundheit. Die Neuauflage des Strafprozesses um Steuerbetrug und Schmiergeld-Millionen hat gerade begonnen, da hakt der Vorsitzende Richter Manfred Prexl vorsichtshalber nach: "Wie geht es Ihnen? Strauß: "Geht so einigermaßen." "Und? Fühlen Sie sich verhandlungsfähig?" "Ich glaube schon." Strauß stöhnt die Antwort fast.

Spätestens da wird es Richter Prexl gedämmert haben: Dies wird erneut ein schwieriges Verfahren, nicht nur in Sachen Prozessführung. Das Verfahren wird ihm, Prexl, auch eine andere unangenehme Aufgabe zuteil werden lassen: einen Mann zu befragen, der ständig müde wirkt, wie ein Schatten seiner selbst.

Max Strauß, der Sohn von Franz Josef, dem früheren Ministerpräsidenten Bayerns, sieht seinem Vater nicht unähnlich. Das Gesicht ist weicher, konturloser, dafür presst er seine Worte ähnlich aus dem Leib wie der verstorbene Patriarch. An Fülle und Größe übertrifft er ihn. Wenn Max sich bewegt, zeigen sich Zeichen der Anstrengung, den wuchtigen Körper zu dirigieren.

Vielleicht ist es aber auch das Familienerbe, das auf seine Schultern drückt. Der älteste Sohn des großen CSU-Vorsitzenden muss sich vor Gericht verantworten, weil er 5,2 Millionen Mark Schmiergeld erhalten und nicht versteuert haben soll. Geld von jenem Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber, der schon vielen in CDU und CSU Ärger eingebrockt hat. Mit Schreiber kam der Parteispendenskandal der Union ins Rollen, der die ganze Republik in Atem hielt.

2004 verurteilte das Landgericht Augsburg Strauß zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Ein Jahr später hob der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil wieder auf und verwies den Fall zurück. Nun also wieder Augsburg.

Das Landgericht der drittgrößten Stadt Bayerns ist kein großes Gericht, und das Gebäude ist auch nicht altehrwürdig. Das "Strafjustizzentrum" zu Augsburg ist ein neuer, unauffälliger Bau. Hier wird täglich bestraft, schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, werden dagegen täglich Sünden vergeben. Zurückgesetzt in einem Hinterhof residieren die Barmherzigen Schwestern.

Simone Bader gehört nicht zu ihnen. Zusammen mit Wolfgang Natale bildet sie das jung-forsche Staatsanwaltschafts-Duo, das Strauß erneut bestraft sehen will. Während er nüchtern die Anklageschrift verliest, lässt sie ihren stechenden Blick durch den Raum schweifen. " ... hat sich der Angeklagte wegen Steuerhinterziehung schuldig gemacht", sagt Natale soeben. Da sackt das Kinn von Max Strauß zum ersten Mal auf die Brust.

Es ist der erste Verhandlungstag von vielen, 41 weitere hat der Richter bestimmt. Es ist der Tag der vorformulierten, ermüdenden Worte.

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