Studie zur geplanten Pflegezeit
Spagat zwischen Job und Pflege

Keine geeigneten Vertretungen, Überstunden für die Mitarbeiter, schlechtes Arbeitsklima: Die geplante halbjährige Pflegezeit mit Arbeitsplatzgarantie bereitet den meisten Personalchefs Bauchschmerzen. Dabei können Firmen mit anpassungsfähigen Arbeitsmodellen auch punkten.

DÜSSELDORF. „Ich habe es körperlich einfach nicht mehr geschafft.“ Ute Leims (Name geändert) rieb sich fast auf zwischen Beruf und Pflege ihrer kranken Angehörigen. Die Schicksalsschläge hatten sich gehäuft in der Familie: Erst wurde der Vater 1996 krank und siechte zwei Jahre dahin. Danach erkrankte der Bruder und starb. Dann die niederschmetternde Diagnose für die Mutter: Krebs. Vor zwei Jahren wuchs Ute Leims alles über den Kopf. Seitdem lässt sie ihren Job als Chemikantin ruhen und pflegt die Bettlägerige. „Ins Heim wollte ich Mutter auf keinen Fall geben.“ Derweil hält ihr Arbeitgeber B. Braun Melsungen eine Stelle für die 44-Jährige frei – bis zu drei Jahre pro Pflegefall.

Was nach progressivem „Elder-Care-Approach“ klingt, ist seit über 25 Jahren gelebte Praxis beim Pharma- und Medizintechnikhersteller. „Etliche unserer 5 000 Mitarbeiter müssen Angehörige pflegen und nutzen die Auszeit mit Arbeitsplatzgarantie dankbar. Durch die Alterung der Gesellschaft werden es künftig sicher noch mehr“, sagt Daniela Ullrich, Personalreferentin für Beruf und Familie bei B. Braun.

Die meisten Unternehmen hierzulande haben sich jedoch mit dem Thema Pflege kaum beschäftigt, konstatiert Heide Franken, Deutschland-Chefin des Personaldienstleisters Randstad. Das Desinteresse ist erschreckend: 38 Prozent der Personaler wissen noch nicht einmal, ob ihre Beschäftigten Angehörige pflegen. Nur knapp 14 Prozent der Betriebe haben Regelungen für pflegende Mitarbeiter getroffen. Das ergab eine Exklusiv-Umfrage von Handelsblatt, Randstad und Innofact unter 302 Personalentscheidern aus einem Querschnitt von Unternehmen. Dabei ist das Problem der Pflege genauso akut wie das der Kindererziehung: Immerhin 270 000 Beschäftigte haben laut Deutscher Industrie- und Handelskammertag wegen eines Pflegefalls ihre Arbeit aufgeben oder einschränken müssen – das sind mehr als die rund 250 000 Arbeitnehmer, die sich in Elternzeit befinden.

Spätestens wenn am 1. Juli 2008 die geplante halbjährige Pflegezeit mit Arbeitsplatzgarantie kommt, können Unternehmen nicht mehr die Augen verschließen. Ein gesetzlicher Anspruch auf „Pflegeurlaub“ – wie er oft verniedlicht wird – stößt jedoch bei der Mehrheit der befragten Personaler auf Ablehnung. Lediglich 29 Prozent begrüßen ihn. Knapp 15 Prozent dagegen betrachten die Pflege als reine Privatangelegenheit ihrer Mitarbeiter. Weitere 57 Prozent sagen: Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ist freiwilligen Absprachen zu überlassen. Denn die meisten Firmen fühlen sich durch das Gesetz einseitig belastet (siehe Grafik). Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer von der Kanzlei Gleiss Lutz spricht aus, was viele denken: „Da wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf die Unternehmen abgewälzt.“

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