Stuttgart 21
Bahn-Chef Grube kämpft gegen alle Widerstände

Vor einigen Monaten zweifelte der Bahnchef noch stark an Stuttgart 21, nun boxt er das umstrittene Projekt entschlossen durch. Da fragt man sich, woher der Sinneswandel kommt: War der politische Druck so groß oder ist es einfach nur ein Meinungswandel? Zumindest hat Rüdiger Grube aufregende Tage vor sich: Stuttgart 21, eine Streikwelle und Diskussionen um die Fahrpreise.
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DÜSSELDORF/STUTTGART. Es ist eine kleine Bronzefigur, etwa 40 Zentimeter hoch, die neben Rüdiger Grube steht. Es ist Merkur - der römische Gott des Handels, des Reichtums und des Gewinns. Der Stuttgarter IHK-Präsident, auf dessen Einladung der Bahnchef am Montagabend in Stuttgart redete, hatte Grube die Skulptur gerade überreicht, wohl als Vorschuss-Ehrung für den Kampf, den Grube in den kommenden Monaten auszufechten hat.

Göttlichen Beistand kann der Manager gebrauchen: Draußen, vor der Liederhalle - dorthin hatte die Industrie- und Handelskammer geladen -, demonstrieren Zehntausende gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Drinnen, in dem Konzertsaal, klatschen 700 Unternehmer aus der Region tosenden Beifall, während Grube engagiert, aber sachlich allen Hoffnungen auf eine Schlichtung eine Absage erteilt: Die Bahn werde das Projekt durchziehen. Komme, was da wolle.

Schon der Begriff sei "irreführend", sagt Grube, und seine Stimme klingt unaufgeregt. "Bei Schlichtung denkt man an Tarifverhandlungen mit einem Kompromiss", sagt Grube. "Das kann es aber bei einem Infrastrukturprojekt nicht geben. Es geht um ein Ja oder ein Nein." Um alle Missverständnisse auszuschließen, sagt Grube noch: "Es kann und darf keinen Bau- und Vergabestopp geben, auch nicht für die Zeit der Schlichtung." Das aber ist die Bedingung der Gegner des Projekts.

Zu denen hatte, insgeheim, einst auch Grube selbst gehört. Noch vor etwas mehr als einem Jahr machte er in Hintergrundgesprächen klar, was er von Stuttgart 21 hält - nämlich wenig. Und dass er das Projekt lieber heute als morgen beerdigen würde. Er hielt es für überdimensioniert und zu teuer. Doch der ehemalige Daimler-Manager - bei dem Stuttgarter Autobauer war er Strategievorstand - hat inzwischen erfahren, dass sein Job kein normaler Managerposten ist. Und sein Konzern kein normales Unternehmen. Der Bahnchef ist auf gutes Einvernehmen mit der Politik angewiesen - schließlich gehört die Bahn zu 100 Prozent dem Bund.

Damals, vor einem Jahr, hätte Grube die Verträge noch kündigen können, vorausgesetzt, die Baukosten für den Bahnhof hätten 4,5 Milliarden Euro überstiegen. Das hat er dem Magazin "Spiegel" gesagt.

Der Bahnchef war es jedenfalls, der das Projekt dann intern noch einmal hat nachrechnen lassen. Denn, so seine Argumentation: Die Kostenbasis für die erste Berechnung stammte noch aus dem Jahr 2004. Das ist lange her - und Baupreise werden mit der Zeit nicht günstiger.

Die neue Rechnung kam zu dem Ergebnis, dass der Bahnhof 4,9 Milliarden Euro kosten würde. Das hätte für Grube ein Grund sein können, das schwierige Projekt zu beerdigen.

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  • Wo bleibt endlich die Radikalisierung? Auch die "bürgerlichen" müssen endlich merken, dass wir in einem kaum veränderten Land der Vorwendezeit leben! Korruption und Machtgeilheit gehen hier Hand in Hand! Dies ist schon lange kein Protest mehr gegen einen bahnhof und die Stadtentwicklung, sondern ein Protest gegen die Politikerkatste! Diese wird dies auch in nächster Zeit immer wieder zu spühren bekommen, dass unser Volk, zu dem auch die "Migranten" gehören, sich keine Entscheidungen über ihre Köpfe hinaus gefallen lassen wird! ich hoffe mal, dass auch durch diesen bahnhof endlich eine wirkliche Demokratie in Deutschland entstehen wird, in dem auch jeder der in diesem Land seinen Lebensmittelpunkt hat auch ein offenes Mitspracherecht haben wird!

  • Entlarvend, dieses Geschenk und bezeichnend: Merkur und Namensgeber für den Merkantilismus, einer Grundhaltung und einem Verhaltensstil, welche bereit ist, alles zu opfern, wenn der Reibach groß genug ist, den man dabei einfährt. Grube will sich sich als durchsetzungs- und willensstark präsentieren und nutzt jetzt seine Chance für die Zukunft (den nächsten Job): Wer weiß, ob er nach den nächsten Finanzturbulenzen und in der Folge der nächsten bundestagswahlen noch "bahnchef" sein wird. Geißlers Rolle ist damit überflüssig, er schadet sich selber, wenn er sich weiter instrumentalisieren läßt, anzubieten hat er den S21-Gegnern in Wirklichkeit nichts!

  • Erst einmal vielen Dank an die Recherchen des Handelsblatt zu diesem Thema.

    Das heutzutage mit den Zahlen und bilanzen jongliert werden kann, damit bestimmte Prozesse ligitimiert oder durchgesetzt werden, dürfte nichts neues sein, aber interessant wäre wirklich der genaue Hintergrund für Grubers sture Haltung.
    Er selber fordert von den Gegnern genau das, was er selber auf keinen Fall einhalten möchte.

    Klar bekommt er Subventionen aus unserer Haushaltskasse aber da wird doch noch ein anderer Vorteil für ihn rausspringen, warum sonst dieser extreme Sinneswandel?

    Muss wirklich profitabel sein, wenn man sich solchen Unmut auf sich lenkt...

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