Telecom Italia: Beppe Grillo
Ein Hofnarr auf der HV

„Treten Sie zurück!“ ruft der kräftige Mann mit den grauen Wuschelhaaren unter tosendem Applaus in Richtung Podium. „Das ist das, was das Land von Ihnen will, und es ist das einzig Positive, was Sie tun können!“ Beppe Grillo spricht auf der Hauptversammlung der Telecom Italia aus, was die anderen Aktionäre denken. Doch Grillo ist kein Aktionärsschützer. Er ist Komiker und Blogger.

kk MAILAND/ROZZANO. 20 Minuten lang hat der 58-Jährige gebrüllt, gelacht und gestikuliert. Seine Stimme ist heiser, doch die Sympathie eines Großteils des Publikums auf der diesjährigen Hauptversammlung der Telecom Italia ist ihm sicher.

Beppe Grillo ist nicht irgendein Aktionär. Für gewöhnlich mischt der Mann im dunkelblauen Jackett mit weißer Blume am Revers auch nicht berufsmäßig Hauptversammlungen auf wie der deutsche Professor Ekkehard Wenger. Und dennoch bringt der Italiener am Montag Tausende Mitinhaber des ehemaligen Staatskonzerns hinter sich. Grillo ist der bekannteste Komiker und der meistgelesene Blogger Italiens, einer der erfolgreichsten weltweit. Bis zu 200 000 Menschen informieren sich täglich auf www.beppegrillo.it. Für die Hauptversammlung von Telecom Italia hat der Satiriker seinen Fanclub mobilisiert – und kann auf die Unterstützung des Literatur-Nobelpreisträgers Dario Fo ebenso zählen wie auf die des Infrastruktur-Ministers Antonio Di Pietro.

„Alle nach Rozzano!“ trommelt der Komiker seit Wochen auf seiner Website. Und sie sind gekommen. „Ich bin Beppe Grillos Aufruf gefolgt“, sagt ein junger Mann mit gestreiftem Hemd und Armani-Brille, der eigens aus Rimini angereist ist.

Grillo geht seinen Hauptfeind direkt an: Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera, der mit einer minimalen Eigenbeteiligung über komplizierte Finanzholdings das ganze Unternehmen Telecom Italia kontrolliert. „Um das zu verstehen, braucht man keine Wirtschaftsprüfer“, ruft der gelernte Buchhalter und lässt sich vom Vorstand Riccardo Ruggiero persönlich ein Glas Wasser bringen. Ironisch attestiert er Tronchetti Schizophrenie, weil er Immobilien von Telecom Italia an Pirelli zum Vorzugspreis verkauft, „ohne sich selbst anzurufen“. Und erwähnt im gleichen Atemzug natürlich auch noch den passenden Abhörskandal: Mitarbeiter der Security von Telecom Italia hatten über Jahre Tausende Menschen abgehört.

Beppe Grillo, der Rächer der Verbraucher, Wähler und Aktionäre, ist Großauftritte gewohnt. Er tingelt von Veranstaltung zu Veranstaltung. Die Arena von Verona mit ihren 25 000 Plätzen füllt er spielend, seit ihn das Staatsfernsehen schon 1994 vom Bildschirm verbannt hat.

Was wäre, wenn Grillos Auftritt Schule macht? Man mag es sich gar nicht vorstellen: Manfred Krug mit seinen Fans auf der nächsten Hauptversammlung der Deutschen Telekom.

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