Telekom-Prozess
Ein Richter mit viel Fingerspitzengefühl

Klaus Reinhoff ist Vorsitzender Richter der dritten großen Strafkammer am Landgericht Bonn und seit September mit dem Spitzelprozess der Deutschen Telekom beschäftigt. Am heutigen Dienstag wird der 50-Jährige sein Urteil sprechen.
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BONN. Lettische Drogenbanden, übergewichtige Freier und querschnittsgelähmte Vergewaltiger - das sind die Themen, mit denen sich Klaus Reinhoff normalerweise beschäftigt. Der 50-Jährige ist Vorsitzender Richter der dritten großen Strafkammer am Landgericht Bonn. Doch seit Anfang September hatte er es mit einer anderen Klientel zu tun: Reinhoff leitete den Spitzelprozess der Deutschen Telekom.

Am heutigen Dienstag spricht er sein Urteil über den einzig verbliebenen Angeklagten, den ehemaligen Leiter der Telekom-Konzernsicherheit, Klaus Trzeschan. Im Zeugenstand saßen Wirtschaftsgrößen wie der ehemalige Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke oder der amtierende Personalvorstand Thomas Sattelberger.

Doch Reinhoff ist nicht der Typ, der sich von großen Namen oder heiklen Situationen aus der Ruhe bringen lässt. Souverän und mit Fingerspitzengefühl hat er die Verhandlung geleitet. "Ich sitze hier auch als Mensch", sagte er etwa zu Ex-Telekom-Chef Ricke und kritisierte ihn dafür, dass er den ehemaligen Aufsichtsrat Wilhelm Weger des Geheimnisverrats für schuldig befunden und zusammen mit dem damaligen Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel zur Rede gestellt habe, ohne je einen Beweis für dessen Schuld zu verlangen. "Da wünscht man sich einen anderen Umgang", sagt Reinhoff. Kritiker monieren, weder Reinhoff noch die Staatsanwälte hätten an entscheidenden Stellen intensiv genug nachgefragt. So hat Reinhoff dem Ex-Telekom-Aufsichtsratschef Zumwinkel ein Aussageverweigerungsrecht zugestanden. Viele vermuten ihn als Drahtzieher hinter der Schnüffelei. Zumwinkel selbst beteuert seine Unschuld. Juristisch konnte Reinhoff nicht anders handeln - Zumwinkel steht als einstigem Beschuldigten in der Sache ein klares Zeugnisverweigerungsrecht zu.

Es ist deshalb nicht Reinhoff anzulasten, dass der Prozess viele Fragen nicht geklärt hat. Doch selbst das Urteil gegen den einzig verbliebenen Angeklagten Trzeschan ist nicht leicht zu fällen. Der Staatsanwalt hat 3,5 Jahre Haft gefordert, Trzeschans Anwalt eine Geldstrafe. Der Anwalt hat im Plädoyer vergangene Woche geschickt Zweifel an dem Anklagepunkt erhoben, der für seinen Mandanten noch schwerer wiegen kann als die Spitzelei: Trzeschan soll Firmengelder in die eigene Tasche gesteckt haben.

Reinhoff muss im Zweifel für den Angeklagten entscheiden, auch wenn dessen Version zahlreiche Erinnerungslücken und Ungereimtheiten enthält. Menschlich legt Reinhoff eine wohltuende Bescheidenheit an den Tag. Als sich Trzeschan nicht an die Details seines Gesprächs mit Ricke erinnert, sagt Reinhoff: "Ich habe noch nie mit so wichtigen Leuten geredet, aber da bleibt einem doch normalerweise in Erinnerung, was gesagt wurde."

Einen Bericht über sich selbst mag der volksnahe Vorsitzende trotzdem nicht lesen. Fotografen und Presseanfragen wimmelt er ab. "Ich mache hier nur meine Arbeit", sagt er und verschwindet in den Gängen des Gerichts.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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  • Herr Reinhoff spricht nicht "sein" Urteil, sondern das der Strafkammer und symbolisch "im Namen des Volkes".

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