Telekom-Skandal
Schmutzwäsche für den Saubermann

Eigentlich wollte Ulrich Lehner im Ruhestand ein neues Musikinstrument und eine Fremdsprache lernen. Jetzt muss sich der 62-Jährige als Chefkontrolleur um die Aufklärung der Telekom-Affäre kümmern.

MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Den Wechsel aus dem Vorstandsvorsitz von Henkel an die Spitze des Aufsichtsrats der Deutschen Telekom hatte sich Ulrich Lehner ganz anders vorgestellt. An seinem vorletzten Arbeitstag im April traf er sich mit Henkel-Pensionären. Sein Vortrag, erzählte er damals dem Handelsblatt, werde mit folgendem Satz enden: "Und jetzt bin ich einer von euch." Ein neues Musikinstrument und eine weitere Fremdsprache wollte der Vielbeschäftigte lernen, dazu von Basel nach Düsseldorf paddeln.

Dafür bleibt Lehner jetzt kaum Zeit. Als Chefkontrolleur muss der Rheinländer das aufklären, was seit Tagen als Telekom-Affäre rund um den Missbrauch von Telefondaten und dem Bruch des Fernmeldegeheimnisses Aktionäre, Öffentlichkeit, Ermittler und Politik in Atem hält. Ausgerechnet Lehner: Der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel ist zwar wie der Bonner Telefonriese im Dax notiert, aber fest in Familienhand. Skandale wie der Spionagefall bei der Telekom? Fehlanzeige. Lehner, der bis auf einen kurzen Ausflug zu Krupp seine fast 30-jährige Managerkarriere in der Henkel-Kultur vollbrachte, muss sich in seinem zweiten Monat im Amt zum Aufklärer im Dickicht des ehemaligen Staatsbetriebs aufschwingen: Krisenmanager statt Ruheständler. Kann das gutgehen?

"Jetzt ist klare Führung gefordert. Lehner lässt die leider vermissen", bemängelt ein Telekom-Aufsichtsrat, der mit ihm im Kontrollgremium sitzt. Auch andere Räte seien unzufrieden. Keine leichte Situation für den Telekom-Neuling Lehner, zumal sein Vorgänger Klaus Zumwinkel mit im Zentrum des Verdachts steht.

"Er will das professionell lösen. Dabei geht es ihm um eine schnelle Aufklärung", sagen dagegen Lehner-Vertraute. Aus Sicht des Aufsichtsratschefs sei der Unsicherheitsfaktor das größte Risiko für die Deutsche Telekom AG. "Lehner will das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden so bald als möglich zurückgewinnen", heißt es in seinem Umfeld.

Erst kurz vor der Hauptversammlung Mitte Mai soll der designierte Chefkontrolleur von den Vorgängen informiert worden sein. "Auch wenn er es vor seiner Berufung im April erfahren hätte - Lehner hätte den Job angetreten", ist sich ein Weggefährte sicher. Seine weiteren Ämter, etwa als Aufsichtsrat bei Eon, Thyssen-Krupp und Porsche, haben derzeit das Nachsehen. "Zuerst kommt die Telekom", heißt es in Lehners Umfeld.

In Krisenzeiten, zumal, wenn die Rolle des Vorstandschefs selbst ungeklärt ist, fällt dem Chefkontrolleur die Rolle des Aufklärers und Stabilisators zu. Wie man das konsequent macht, zeigte zuletzt Gerhard Cromme im Siemens-Bestechungssumpf. Doch im Unterschied zu Lehner wusste Cromme wenigstens halbwegs, worauf er sich einließ, als er im April 2007 den Siemens-Aufsichtsratsvorsitz von Heinrich von Pierer übernahm. Seit gut vier Jahren gehörte er dem Kontrollgremium da schon an.

Als Koordinator des mächtigen Prüfungsausschusses hatte er intimen Einblick in das Innenleben des Konzerns und den bis dahin bekannten Stand der Schmiergeldaffäre, die Pierer das Amt gekostet hatte. Dennoch musste sich auch Cromme erst einmal gegen Widerstände alter Seilschaften im Konzern durchsetzen.

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