Thierry Aulagnon
Kühl kalkulierender Stratege

Wenn Thierry Aulagnon etwas ankündigt, horcht die Welt auf. So wie kürzlich, als der Investmentchef der Société Générale erklärte, in Asien expandieren zu wollen. Der 58-jährige Franzose glaubt, dass asiatische Firmen bald in Europa shoppen gehen und will an einer möglichen Übernahmewelle mitverdienen.

PARIS. Eigentlich hätte der dunkelhaarige Franzose Thierry Aulagnon mit seinem charmanten Lächeln auch gut in einen Hollywood-Film gepasst. Zumindest erinnert er an Clive Owen im neuen Spionagefilm "Duplicity". Doch der 58-jährige Chef der Sparten Investment und Großunternehmen bei der drittgrößten französischen Bank Société Générale ist eine der wichtigsten Figuren der internationalen Finanzwelt. Er ist der kühl kalkulierende Kopf hinter der Investment-Strategie. Wenn er etwas ankündigt, horcht die Welt auf. So wie kürzlich, als er erklärte, dass das Finanzinstitut an einer möglichen Übernahmewelle aus Asien mitverdienen will: "Wir wollen asiatischen Kunden helfen, die richtigen Ziele in Europa zu finden." Aulagnon erwartet, dass asiatische Banken und Staaten Unternehmen in Europa, Afrika und dem Nahen Osten übernehmen wollen und dazu die Hilfe von Investmentbanken brauchen. Deshalb will er das Investment-Banking in Asien ausweiten. Für ihn ist das die Gelegenheit in der Krise: "US- und europäische Investmentbanken sind verschwunden oder verstaatlicht worden und deren neue Eigner scheuen das Risiko außerhalb des Heimatmarktes", gab er jüngst zu Protokoll. Diese Lücke will er mit der SocGen nutzen.

Konkurrenten in der Krise Marktanteile abjagen ist zwar auch das erklärte Ziel seines Chefs Fréderic Oudéa, doch wenn die Investmentsparte am Donnerstag miese Zahlen vorlegen sollte, dürfte er Aulagnon eher an der kurzen Leine halten. Analysten rechnen für die Gruppe zwar insgesamt mit einem Netto-Gewinn von etwas mehr als 300 Mio. Euro, doch Kritiker vermuten, gerade im Investment-Banking könnte noch die eine oder andere Leiche im Keller liegen.

Aulagnon dürfte das nicht schrecken, denn der Strategieexperte blickt auf eine lange, teilweise turbulente Finanzkarriere zurück, die klassisch an der Verwaltungshochschule und Kaderschmiede ENA begann, dann ins Finanzministerium führte und in der Wirtschaft endete. Zwanzig Jahre war Aulagnon im Finanzministerium zuständig für Banken und Haushalt und beriet als Kabinettsdirektor mehrere sozialistische Wirtschafts- und Finanzminister. Dann wechselte er in die Wirtschaft und wäre fast über einen Skandal gestolpert: Untersuchungsrichter ermittelten zu Immobilienverkäufen der Versicherung GAN, deren Direktor er zeitweilig war. Das Unternehmen soll, so die Vorwürfe, jahrelang Immobilien unter Marktwert verschleudert haben. Aulagnon war zum Zeitpunkt der Ermittlungen zwar schon bei der SocGen, geriet aber trotzdem ins Visier der Fahnder. Doch der Vorfall geriet schnell in Vergessenheit und tat seinem Ruf als diplomatischem Strategen aber keinen Abbruch.

Seite 1:

Kühl kalkulierender Stratege

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%