Thomas Brauße
Der Würstchen-Banker

Früher zwängte sich Thomas Brauße in gebügelte Hemden, heute trägt der 44-Jährige Bluejeans. Früher jonglierte er mit Zahlen, heute arbeitet er mit der Zange. Früher war Brauße Investmentbanker bei einer der größten elektronischen Handelsplattformen weltweit, heute grillt er Würstchen im Bankenviertel - direkt vor seinem alten Arbeitsplatz.

FRANKFURT. Geblieben aus seinem früheren Leben ist ihm nur der Weg zur Arbeit. Denn sein Imbissstand steht direkt vor seinem alten Büro im Frankfurter Bankenviertel. Das musste er binnen zwei Stunden räumen, an jenem nasskalten Mittwoch im Dezember kurz vor Weihnachten. Als ihn sein Chef damals per Mail ins Büro beordert, weiß Brauße längst Bescheid: Der Frankfurter Standort der US-Handelsplattform Institutional Networks (Instinet) wird am selben Tag geschlossen. Die meisten Mitarbeiter werden arbeitslos, manche wechseln nach London. Brauße verlässt den 20. Stock des Messeturms an jenem Tag mit der Kündigung in der Aktentasche. Umziehen will er nicht und fängt deshalb sieben Monate später noch mal von vorne an.

Da fährt er wieder zum Messeturm, diesmal als Kleinunternehmer. Sein neuer Arbeitsplatz ist eine rollende Imbissbude. Den gut elf Meter langen Linienbus hatte er im Internet ersteigert und dann umgebaut: Grillplatte und Friteuse und viel Chrom und Stahl parken jetzt in der Osloer Straße, nur wenige Meter von seinem schwarzen Sportwagen entfernt. Jeden Morgen um neun räumt er die dunkelblauen Sonnenschirme und die Biertische aus dem Bus, klappt die Türen auf und schmeißt den Grill an. In der "Frankfurter Worscht-Börse" ist alles ein bisschen schicker: Die Schirme sind aus edlem Stoff, die Stehtische stahlblitzend. "Das muss auch so sein", sagt Brauße, die Banker erwarteten das. Mit Bankern meint Brauße vor allem seine ehemaligen Kollegen. Die kommen mittags in ihren Anzügen auf eine Currywurst für zwei Euro siebzig das Stück und ein Schwätzchen vorbei.

Als Abstieg empfindet Brauße seinen neuen Job nicht, alte Geschichten aus seinem Bankerleben spielen keine Rolle mehr. Denn Banker wollte er eigentlich nie werden. "Ich habe mich nie wie einer gefühlt", sagt er heute. Zu eng waren ihm meist Schlips und Kragen. Und am liebsten wäre der Junge aus kleinen Verhältnissen Handballprofi geworden. Doch die Mutter überredete ihn zu etwas "Handfestem" und Brauße machte die klassische Bankerkarriere: Mit 16 Lehre bei der Kreissparkasse im Main-Taunus-Kreis, mit 20 Wechsel nach Frankfurt zu einem japanischen Broker, mit 32 Investmentbanker bei Instinet. Und mit 44 Würstchengriller. Die Idee entstand noch in Bankerzeiten, zu öde fand er die täglichen Kantinenbesuche, wollte schon damals eine Alternative. Die war ein halbes Jahr nach der Kündigung durchkalkuliert, und Brauße brachte die Wurst ins Rollen.

Für ihn ist die Brutzelei die Erfüllung eines Traums von der "eigenen kleinen Insel", wie er sagt. "20 Jahre lang hat mir der Investment-Job Spaß gemacht, aber dann hat es auch gereicht." Angebote aus der Bankbranche habe er nach der Kündigung gehabt, aber abgelehnt - das Gehalt habe nicht gestimmt. Wenn er doch noch mal einen Job als Banker annehme, dann müsse der sehr gut bezahlt sein, sagt er und meint damit " im guten sechsstelligen Bereich".

Das wäre viel mehr als er heute verdient: Von den 100 Würstchen, die pro Tag über die Theke gehen, kann er noch nicht leben. Aber spätestens Ende Januar will er eine schwarze Null schreiben. Bis dahin zehrt der Vater zweier Töchter vom Ersparten.

Einschränken will er sich nicht: Umziehen in eine kleinere Wohnung kommt nicht infrage, im Supermarkt aufs Geld schauen auch nicht. Angst vor dem Abstieg hat er nicht, er glaubt fest an sein neues Leben als Würstchen-Banker: Denn schließlich könne ja auch in einer Imbiss-Bude eine Goldgrube stecken.

Kurzvita

1965: Thomas Brauße wird am 8. Mai in Hochheim am Main geboren.

1981: Nach dem Schulabschluss Banklehre bei der Kreissparkasse im Main-Taunus-Kreis

1985: Wechsel zum japanischen Broker Yamaichi

1989: Wechsel zur deutschen Niederlassung der britischen Investmentbank Robert Fleming

1997: Wechsel zur elektronischen Handelsplattform Institutional Networks (Instinet)

2008: Kündigung wegen Standortschließung

2009: Am 20. Juli Eröffnung der „Frankfurter Worscht-Börse“

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