Thomas Fahnemann
„Zu wenig Talent“

Der Deutsche Thomas Fahnemann muss den Wiener Feuerfest-Konzern RHI durch die Wirtschaftsflaute führen. Er baut beim Zulieferer für die Stahlbranche Hunderte Stellen ab. Und im Herbst kommt er wohl nicht daran vorbei, Fabriken zu schließen.

WIEN. Ein hessischer Tonfall ist doch noch zu hören, wenn Thomas Fahnemann von seiner neuen Aufgabe erzählt. Was hätte er alles in seiner Heimatstadt Frankfurt werden können? Sogar bei der Eintracht kickte er im Nachwuchsteam. Vielleicht wäre eine Karriere als Profi-Fußballer möglich gewesen. Doch der groß gewachsene Manager gesteht selbst ein: „Zu wenig Talent“. Frankfurt ist lange passé, der 48-Jährige lebt seit zwei Jahrzehnten im Ausland, erst in den USA, jetzt in Österreich.

In Wien ist der Deutsche seit Januar zu Hause, als Chef des börsennotierten Feuerfest-Konzerns RHI. Branchenfremde können sich überhaupt nichts darunter vorstellen. Doch bei den meisten Stahl-, Glas- und Zementherstellern ginge ohne RHI nicht viel. Der Konzern aus dem Wiener Süden liefert alle feuerfesten Produkte, die etwa im Hochofen für die Stahlfertigung notwendig sind. In der kleinen Feuerfest-Branche sind die Österreicher mit einem Anteil von 15 Prozent unumstrittener Weltmarktführer.

Thomas Fahnemann kommt aus der Industriefaser-Produktion. Bei Hoechst in seiner Heimatstadt Frankfurt beginnt die Karriere, als er den kurzen Ausflug in die Fußballwelt beendet. Der Chemie-Konzern schickt ihn in die USA: 13 Jahre bleibt er schließlich dort, lernt seine Frau kennen und gründet eine Familie. Eigentlich hätte er auf der anderen Seite des Atlantiks bleiben können.

Wenn ihn vor sieben Jahren nicht der Anruf aus Österreich erreicht hätte. Die Lenzing AG, ebenfalls ein auf Industriefasern spezialisiertes Unternehmen, sucht einen Chef. Und Fahnemann sagt Ja zur Rückkehr nach Europa: „In den USA war ich die Nummer zwei, bei Lenzing wurde ich die Nummer eins.“

Im vergangenen Jahr klingelte wieder das Telefon, ein Personalberater meldet sich. Sechs Jahre ist der Deutsche schon bei Lenzing, ob er sich einen Wechsel vorstellen könnte? Der gebürtige Frankfurter kann – und wagt zum Jahresbeginn den Wechsel nach Wien.

Fahnemann ist bei RHI angekommen und sitzt bei den Wienern fest im Sattel. „Er ist ein echter Glücksfall für uns“, sagt der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Herbert Cordt. Schon im Frühjahr verließ der damalige Finanzvorstand den Konzern. Ein klares Zeichen dafür, wer sich durchgesetzt hat. Und inzwischen ist auch die Familie aus dem Salzkammergut nach Wien nachgezogen – Fahnemann meint es ernst.

Ernsthaftigkeit ist gut für das Unternehmen. „Niemand hat die Krise in dieser Dramatik erwartet, auch ich nicht“, sagt Fahnemann über sich selbst. Als Zulieferer der Stahl- und Baubranche ist RHI massiv vom weltweiten Einbruch betroffen. Der Wiener Konzern war in den vergangenen Jahren ordentliche Renditen und volle Auftragsbücher gewohnt. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. In der Halbjahresbilanz, die Fahnemann in dieser Woche vorgelegt hat, ist ein Umsatzeinbruch von 25 Prozent abzulesen. Im zweiten Quartal hat das Unternehmen rot geschrieben, für die ersten sechs Monate des Jahres blieben mickrige zwei Millionen Euro Gewinn (Jahresumsatz 2008: 1,6 Milliarden Euro).

Fahnemann rutschen die englischen Vokabeln nur so heraus. Er spricht von „Working Capital“ und „Capex“, wenn er über seine Sanierungsschritte erzählt. Ganz deutlich ist ihm anzumerken, dass er seine Management-Lektionen in den USA gelernt hat. Spürbar ist auch, dass ihm das Krisenmanagement große Freude bereitet. Die Analystengemeinde ist zudem mit den Ergebnissen zufrieden. RHI sei auf dem richtigen Weg, bescheinigt ihm Franz Hörl von der Ersten Bank.

Im ersten Quartal hat Fahnemann die Kosten kräftig gesenkt, 1 000 von 8 000 Mitarbeitern müssen gehen. Überall im Unternehmen lässt er Abläufe überprüfen. Im Herbst könnten auch Fabriken geschlossen werden. Außerdem hat Fahnemann dem Konzern eine Dezentralisierung verordnet: Die einzelnen Sparten werden als selbstständige Profit-Center geführt.

Nach den Einschnitten zu Jahresbeginn sieht sich Fahnemann jetzt als Gestalter. Er will RHI zu einem modernen Unternehmen machen, das sich von seinen etablierten Märkten löst. In China und Südamerika sieht er die Zukunft, vielleicht auch mit neuen eigenen Fabriken.

Ein wenig Zeit hat er ja noch. Denn nach dem Gesetz der Serie sollte das Telefon erst in vier bis fünf Jahren wieder klingeln – mit einem neuen Stellenangebot.

Thomas Fahnemann

1961 Er wird am 14. März in Frankfurt geboren. Thomas Fahnemann absolviert später ein Betriebswirtschaftsstudium in Mainz und ein Executive-MBA-Programm an der Northwestern University Chicago.

1983 Er startet bei Hoechst in Frankfurt, wo er im Laufe der Jahre Führungspositionen im In- und Ausland übernimmt.

1995 Fahnemann wechselt zu Trevira in die USA, wo er zuletzt für den Verkauf des Fasergeschäfts verantwortlich ist. Drei Jahre später wird er Chief Operating Officer von KoSa in Houston/Texas.

2003 Er wechselt an die Spitze der Lenzing AG in Österreich.

2009 Fahnemann wird Chef des Feuerfest-Konzerns RHI in Wien.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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