Thomas Rabe ist Finanzvorstand der RTL Group. Es dürfte der Beginn einer großen Karriere sein.
Der kickende Tandemfahrer

Kein Ort für Träume – das ist die Zentrale des größten Fernsehkonzerns Europas in Luxemburg. Die Fäden der RTL Group laufen in einem nüchtern-funktionalen Verwaltungsgebäude am Rande der Hauptstadt des Großherzogtums zusammen. Ein Ort der Bescheidenheit – im Gegensatz den benachbarten Palästen der Deutschen Bank oder Hypo-Vereinsbank.

LUXEMBURG. Dem Statthalter der vom Mediengiganten Bertelsmann kontrollierten RTL-Group, Thomas Rabe, ist das recht. Der RTL-Finanzvorstand schätzt Understatement. Damit kann er beim Gesellschafter im fernen Gütersloh punkten. In Zeiten rückläufiger Umsätze bei Bertelsmann sind große Protzereien nicht gefragt.

Der in der Öffentlichkeit nahezu unbekannte 38-jährige Rabe hat es in den letzten Monaten geschafft, zur Nummer zwei der hoch profitablen Bertelsmann-Tochter aufzusteigen. „Er hat sich in kürzester Zeit zum engsten Vertrauten von Zeiler gemacht“, berichtet ein Insider.

Das war vor kurzem ganz anders. Als RTL-Group-Chef Didier Bellens nach dem Vertrauensentzug durch Bertelsmann im Februar seinen Job aufgab, zitterte die Luxemburger Holding vor der „Germanisierung“.

Erst nach wochenlangen Spekulationen übernahm Gerhard Zeiler zusätzlich zu seinen Aufgaben als RTL-Chef in Deutschland die Spitzenposition. Das Misstrauen Zeilers gegenüber der verunsicherten Holding und dem ehrgeizigen Rabe war damals groß.

Ursprünglich wollte Zeiler seinen Vertrauensmann Thomas Hesse – Stratege der Bertelsmann- Musiktochter BMG – nach Luxemburg holen. Doch am Ende stärkte Zeiler den kühlen Analytiker Rabe. „Zeiler hat schnell gemerkt, dass er nur seine beiden Jobs in Köln und Luxemburg machen kann, wenn er sich auf Rabe verlässt“, sagt ein RTL-Manager.

Für Rabe geht mit der neuen Machtfülle ein Traum in Erfüllung. Der Sohn eines EU-Beamten ist nicht nur Finanzvorstand, sondern auch noch für Strategie und das Luxemburger TV- und Radiogeschäft verantwortlich. 550 Mitarbeiter hat er unter sich. „Er kann die Konzernzahlen in verschiedenen Sprachen herunterspulen. Das ist schon beeindruckend“, sagt ein Bekannter.

Rabe – aufgewachsen in Brüssel – spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Französisch, ein wenig Niederländisch und mittlerweile auch Spanisch. Erst kürzlich absolvierte der ehrgeizige Europäer einen Crash-Kurs bei Berlitz in Madrid. Das hat seinen Grund: Rabe sitzt im Aufsichtsrat des spanischen Senders Antena 3, an dem die RTL Group beteiligt ist.

Bei RTL hat der smarte Ökonom allerdings nicht nur Freunde. Sein früherer Chef, der unnahbare Belgier Didier Bellens, traute ihm nicht über den Weg. Viele im Unternehmen halten ihn für schwer einschätzbar. „Er ist ein Chamäleon“, sagt ein RTL-Angestellter.

„Ich sehe mich absolut nicht als kalten Strategie- und Finanzchef einer Luxemburger Holding“, sagt Rabe über sich selbst. Der sportlich-schlanke Manager ist keineswegs ein Zahlenasket, sondern auch Genießer. Er schätzt gutes Essen, und daran ist in Luxemburg kein Mangel. Einer seiner geschätzten Adressen ist der Nobelitaliener „Lagura“, ein paar Schritte vom historischen Zentrum und in der Nähe seiner Wohnung.

Der polyglotte Manager liebt den Wechsel. Privat pendelt er zwischen zwei Ländern. „Ich bin seit sieben Jahren in Luxemburg und hier verwurzelt, auch wenn ich viele Wochenenden mit meiner Frau in unserer Wohnung am Berliner Gendarmenmarkt verbringe.“

Seine wahre private Leidenschaft gehört allerdings dem Fußball, insbesondere dem Dauer-Sieger FC Bayern München. Die Liebe zum Leder hat Folgen:. „Wir haben auf dem Luxemburger Kirchberg ein großes Grundstück und haben kürzlich einen Fußballplatz angelegt. Dort spiele ich – so weit ich kann – jeden Mittwoch mit den Mitarbeitern eine Partie. Meine Position ist die eines Mittelfeldspielers.“ Auch Zeiler war schon mit von der Partie.

Ganz ohne Hintergedanken ist das Kicken am Rande des Bankenviertels allerdings nicht. Es fördert den Zusammenhalt innerhalb der Luxemburger Dependance, die unter Stellenabbau leidet. Denn trotz Bolzplatz – Rabe wird den Sparkurs weiterführen. „Wir arbeiten weiter daran, die Luxemburger Holding effizienter und schlagkräftiger zu gestalten“, verspricht er.

Dabei sind die Zahlen mal wieder gut ausgefallen. Als die RTL-Group letzte Woche ihre Halbjahresbilanz vorlegte, war die Freude groß. Der Gewinn stieg trotz schwachen Werbemarktes um fast 40 Prozent auf 253 Millionen Euro: Keine Bertelsmann-Tochter verdient mehr Geld.

Zeiler präsentierte in seiner neuen Rolle als Vorstandschef die glänzenden Zahlen erstmals. In der Telefonkonferenz mit Analysten stand ihm Rabe helfend zur Seite. Die Premiere hat gut geklappt: „Rabes Verhältnis zu Zeiler ist von Vertrauen geprägt“, sagte ein Insider. Rabe bestätigt: „Gerhard Zeiler und ich funktionieren als Team hervorragend.“ Mit der Rolle als Tandemfahrer ist er „happy“. Dass Zeiler bei der gemeinsamen Fahrt durch Europa das Lenkrad fest in den Händen hält, stört den früheren Mitarbeiter der EU-Kommission in Brüssel und der Treuhandanstalt in Berlin nicht – sein steiler Aufstieg hat gerade erst begonnen. „Rabe steht noch eine große Karriere bevor“, sagt einer seiner Kritiker.

Seit kurzem darf er sich auch um das operative Geschäft kümmern, seine Spielwiese heißt RTL Luxemburg. Rabe will die Chance nutzen, gerade denkt er über eine Art digitalen Piratensender mit Sitz im Großherzogtum nach. Auch für den Fernsehkanal in dem 450 000-Einwohner-Land hat er Ideen: „Wir planen erstmals in der Geschichte von RTL eine TV-Soap auf Luxemburgisch.“ Ihr Erfolg könnte ein weiterer Baustein für eine große Karriere sein.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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