*Thomas Sattelberger ist Mitglied des Vorstands der Continental AG in Hannover
Thomas Sattelberger: „Business Schools müssen Hausaufgaben machen"

Continental-Vorstand Thomas Sattelberger erinnert daran, dass nicht nur Menschen Institutionen prägen, sondern auch vice versa. Der Ball liegt daher zunächst bei den Business Schools und Universitäten, glaubt der Praktiker.

Die Tatsache, dass jetzt die an einigen US-Universitäten geübte Praxis des Jungmanager-Gelöbnisses mit zeitlicher Verzögerung nach Europa importiert wird bzw. überschwappt, ist schon deshalb sehr löblich, weil sie Diskussion auslöst und vertieft, ob Managementausbildung auch das "produziert", was sie verspricht: nämlich kompetente und integre Manager und Managerinnen. Auch hier gilt es, sich zu allererst darauf zu besinnen, dass nicht nur Menschen Institutionen prägen, sondern auch vice versa. Karl Popper sagte einmal sehr treffend: "How can we build our institutions in a way that even incapable and corrupt despots cannot cause too much damage?"

Bevor ich deshalb fachlich sehr kompetente, aber persönlich noch reifende Menschen zum Eid auffordere, würde ich zuerst an die Institutionen Fragen stellen. Wer jetzt erwartet, dass ich Unternehmen adressiere, irrt. Ich spreche von der Institution Universität bzw. Business School.

  • Wie stark ist die akademische Einrichtung von Sponsoren abhängig und welchen Einfluss nehmen diese auf die Ausrichtung der Institution?
  • Wie vorbildhaft sind Professoren in ihrem Auftrag der Lehre und Forschung? Womit verdienen sie mehr Geld: Mit selbst gesteuerter freiberuflicher Beraterarbeit oder mit ihrem Hauptauftrag? Viele 'celebrities' der akademischen Welt generieren sich als Management-Gurus, ohne Produkthaftung zu übernehmen.
  • Wie viele Vorträge bzw. Bücher haben Professoren fabriziert, in denen Enron, Kirch Media, Vivendi, General Electric, MobilCom, WorldCom, ABB oder auch die Gebrüder Haffa u. a. unreflektiert als Beispiele von Unternehmer-Unternehmen bzw. Top-Unternehmern zelebriert wurden. Hier stellt sich die Frage, wie stark die wissenschaftliche Güte und der akademische Tiefgang durch Modewellen ersetzt oder überlagert wurde. Wer erzieht die Erzieher? Welchen Eid legen diese ab und wie wird er nachgehalten?
  • Wie geht die Institution mit Verfehlungen im Forschungs-, aber auch im Prüfungsbereich um? Wer "sitzt zu Gericht" über Case Studies, deren Inhalte über den revolutionären Aufstieg von Unternehmen und Heroen zusammenfabuliert und von der Realität auf den Misthaufen der Geschichte geworfen werden, aber nicht ohne vorher die Gehirne und Herzen von Studenten mit falschen Managementviren verseucht zu haben?
  • Wie wird in Summe die "Corporate Governance" wahrgenommen und ausgeübt und welche Check- und Balance-Mechanismen gibt es zu den aufgeworfenen Fragen?

Aus Sicht eines Praktikers sind diese institutionengerichteten Fragestellungen sehr viel stärker Zeichen setzend und verhaltensprägend – auch und gerade symbolisch – als beim "Endprodukt" des Bildungs- und Erziehungsprozesses – dem Absolventen – zu beginnen. Bezüglich des Startschusses des Veränderungsprozesses gilt auch hier die alte Devise "walk the talk“. Aufbauend auf einem solchen ganzheitlichen Betrachtungsansatz macht dann auch ein hippokratischer Eid oder auch Ethikvorlesungen und -kolloquien Sinn.

Dies heißt nicht, dass Unternehmen und Unternehmensleitungen nicht auch Hausaufgaben hätten. Doch über diese ist genug geschrieben und gesagt. Hier gilt es, die Umsetzung von Corporate Governance zu forcieren, während viele Business Schools erst noch ihre selbstkritische Reflektion beginnen müssen.

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