Thyssen-Krupp
Ein Leben voller Mut und Freiheit

Der Industrielle Berthold Beitz feiert heute in geistiger Frische seinen 95. Geburtstag in Essen.
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DÜSSELDORF. Man müsse nur alt genug werden, schrieb der Schriftsteller Ernst Jünger, um "alles und das Gegenteil von allem zu erleben". Keiner könnte diese These so gut bestätigen wie Berthold Beitz, der am heutigen Freitag im Kreis seiner großen Familie seinen 95. Geburtstag feiert. In seinem Leben spiegelt sich fast die ganze deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts - und seine Wirtschaftsgeschichte sowieso.

Schier unglaublich ist die Zahl von bedeutenden Staatsmännern, Künstlern und Wirtschaftsführern, mit denen Beitz im Laufe seines langen Lebens in engen Kontakt gekommen ist: Konrad Adenauer und der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow, der chinesische Ministerpräsident Zhou Enlai und der Schah von Persien, Yehudi Menuhin und Axel Springer, Hermann Josef Abs und Hans-Günther Sohl.

Eine Begegnung aber prägte sein Leben nachhaltig bis heute: das zufällige Treffen mit Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der ihn 1953 zum Generalbevollmächtigten und später zum Nachlassverwalter des Stahlkonzerns machte. In den Jahrzehnten danach erlebte Beitz an der Spitze des Unternehmens ganz im Sinne Jüngers den langen Zyklus von Wiederaufbau, Krise und Wiederaufstieg, von Kartellierung, Konkurrenz und Konsolidierung in der deutschen Stahlindustrie.

Bis heute gibt es keine wesentliche unternehmerische Entscheidung beim unter seiner Führung fusionierten Konzern Thyssen-Krupp, die Beitz nicht vorher absegnen würde. Als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats und Vertreter der Krupp-Stiftung versammelt der 95-Jährige bis heute regelmäßig den Vorstand der Aktiengesellschaft zum Rapport im ehemaligen Gästehaus der Villa Hügel in Essen.

Es gibt so gut wie keine deutsche Auszeichnung, die Beitz nicht schon für sein Lebenswerk erhalten hat. Besonders stolz aber ist der gebürtige Zemminer auf die Medaille "Gerechter unter den Völkern" der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, mit der Beitz für die Rettung jüdischer Zwangsarbeiter unter der Nazi-Diktatur ausgezeichnet wurde. Zumindest eine weitere Ehrung aber will der körperlich und geistig nach wie vor äußerst agile Industrielle unbedingt noch erleben: Die Einweihung der neuen Unternehmenszentrale von Thyssen-Krupp in Essen im übernächsten Jahr in einem neu gestalteten Stadtquartier, dessen Durchgangsstraße seinen Namen tragen wird.

Wer mit Beitz spricht, hört von ihm Aberdutzende von Anekdoten über Gott und alle Welt. Nie aber wäre es ihm in den Sinn gekommen, seine Erfahrungen als Unternehmensführer (die Bezeichnung "Manager" lehnt Beitz für sich selbst mit Vehemenz ab) als Vorbild für andere Konzerne hinzustellen. Sein Leben war und ist besonders, es lässt sich nicht verallgemeinern. Beitz hat gelebt, was er als wichtigste Charakterzeichen echter Unternehmer sieht: "Freiheit und Mut".

bz

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