Till Reuter
Keine Ausreden mehr bei Kuka

Seit heute gibt es keine Entschuldigungen mehr. Was immer auch geschehen wird beim Augsburger Roboterhersteller Kuka - es geschieht unter den Augen und unter der Verantwortung derjenigen, die sich bisher in der Rolle des Kritikers gefallen haben. Allen voran: Till Reuter. Er übernimmt als Aufsichtsratschef von Kuka ein schwieriges Amt.

HAMBURG. Ganze 41 Jahre alt ist er, der neue Aufsichtsratsvorsitzende von Kuka, einem Unternehmen mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 6000 Mitarbeitern. Doch wie ein Juniormanager hat sich Reuter nicht aufgeführt in den ersten Monaten seit Kontaktaufnahme mit dem Traditionskonzern. Verbündete beschreiben seine Art als selbstbewusst und zupackend, Kritiker nennen Reuter arrogant und ruppig.

Erste Schleifspuren sind nicht zu übersehen. Den kompletten Vorstand hat Reuter aus dem Unternehmen gedrängt und den halben Aufsichtsrat gleich dazu. Sicherlich, ohne die entsprechende Rückendeckung hätte Reuter den Besen nicht ganz so hart schwingen können. Doch der Investmentbanker arbeitet bei Kuka nicht auf eigene Rechnung, sondern berät das Familienunternehmen Grenzebach. Und die Grenzebachs haben mehr als 90 Millionen Euro auf den Kuka-Tisch gelegt, um fast 30 Prozent der Aktien zu kontrollieren. Jetzt bestimmen sie, wo es langgeht bei Kuka.

Das Experiment fasziniert die ganze Branche. Grenzebach kontrolliert mit Kuka ein viermal so großes Unternehmen. Reuter hat Erfahrung als Anwalt und Investmentbanker und soll jetzt das operative Geschäft eines Industriekonzerns beaufsichtigen. Viel besser müsse dieser Job gemacht werden, sagt Reuter - eine Aussage, die sein Vorgänger, Daimler-Mann Rolf Bartke, als persönliche Beleidigung empfand. Getan werden muss etwas. Im ersten Halbjahr kam Kuka auf ein operatives Minus von 23 Millionen Euro. Der Aufsichtsrat habe zu lange tatenlos zugesehen, wie der Vorstand Zukunftschancen vergeben habe, sagte Reuter.

Nun ist er selbst in der Verantwortung. Nicht nur, dass er den Kuka-Vorstand kontrollieren muss, er sucht ihn in diesen Tagen auch noch selbst aus. Kein Fehler könnte deshalb in den nächsten Monaten ohne das Zutun von Reuter geschehen.

Ein kluger Schachzug ist ihm allerdings schon gelungen. Denn nicht nur Reuter selbst sitzt im Aufsichtsrat, sondern seit gestern auch Guy Wyser-Pratte. Der Amerikaner würde sich künftig ins eigene Fleisch schneiden, wenn er, wie üblich, mit scharfen Waffen auf Vorstand und Aufsichtsrat losginge.

Es scheint, als sei Reuter einem Lehrmeister gefolgt, den auch Wyser-Pratte gern zitiert: dem chinesischen Militärgeneral Sun Tzu. Der sagte einst: Halte deine Freunde in deiner Nähe. Aber halte deine Feinde näher.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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