Traditionell ist nur sein Aufstieg
Erst grübeln, dann handeln

Für Detlef Wetzel entscheidet die neue Metalltarifrunde auch über seine Karriere. Der IG-Metall-Chef in NRW könnte Berthold Huber als zweitobersten Metaller beerben. Aber manchem Kollegen ist das zu viel frischer Wind.

DÜSSELDORF/BERLIN. „Wo ist Detlef?“ Der Mann, der die Frage stellt, überragt seine Kollegen um fast einen Kopf. Ein Zweimetertyp im Blaumann, mit Stoppelbart und ölverschmierten Pranken. Er hat freien Blick auf die Bühne 15 Meter vor ihm – über zig Köpfe hinweg.

Detlef kann er dennoch nicht entdecken, genauso wenig wie die anderen, die um ihn herum stehen und sich zu einem Lied der Kölner Karnevals-Combo De Höhner „Jetzt geht es los, Vorhang auf und Bühne frei“ warm schunkeln.

Dabei steht der Gesuchte schon seit gut zehn Minuten dort vorne. Ein großer, schlanker Mann in schwarzer Lederjacke, graue, schüttere Haare, Bart – die schlichte, randlose Brille ist so unauffällig wie er selbst: Detlef Wetzel, seit drei Jahren Chef der IG Metall Nordrhein-Westfalen.

Doch immer noch gibt es viele, die ihn nicht erkennen. So auch an diesem kalten Dienstagmorgen Ende Januar. Atem formt sich vor den Mündern zu kleinen Wölkchen, vermischt sich mit dem Rauch der Zigaretten und steigt auf in den bedeckten Himmel. Einige hundert Männer stehen in der Nähe von Tor sechs auf dem Gelände der Ford-Werke im Kölner Norden. Rechts und links ruhen Gebäude aus verwittertem Backstein, vor ihnen steht ein zur Bühne umfunktionierter LKW-Anhänger. Alle warten sie darauf, dass es losgeht – dass Detlef zu ihnen spricht.

Wetzel arbeitet lieber im Hintergrund

„Wir wissen, dass er die IG Metall in Nordrhein-Westfalen ein ganzes Stück attraktiver gemacht hat“, erzählt einer der Ford-Mitarbeiter und die Umstehenden nicken, „aber viele von uns wissen nichts von ihm, noch nicht mal, wie er aussieht.“

Denn Detlef Wetzel ist keiner, der das Rampenlicht sucht, der zu allen Jubilarfeiern erscheint und bei jedem Konflikt zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat und Unternehmen Protestkommuniqués verfasst und Machtworte spricht. Wetzel arbeitet lieber im Hintergrund, entwickelt ungewohnte Ideen und moderne Ansätze. Dabei ist er äußerst erfolgreich, aber für die meisten unbekannt. Zumindest Letzteres könnte sich bald ändern. Der 54-jährige Wetzel gilt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für einen Chef-Posten bei der IG Metall auf Bundesebene. Er könnte Zweiter Vorsitzender werden, wenn Gewerkschaftschef Jürgen Peters wie verabredet sein Amt auf dem Gewerkschaftstag im November räumt, sein Vize Berthold Huber vorrückt und Wetzel sich bei der anstehenden Tarifrunde in der Metallbranche so gut schlägt wie in der Vergangenheit. Heute rammt die IG Metall mit einer konkreten Zahl ihren Pflock ein – der Startschuss für die neue Tarifrunde.

In Köln, auf dem Gelände der Ford-Werke, hat sich Detlef Wetzel schon mal warm geredet – über ein Thema, mit dem sich bei den Metallern ohne Mühe punkten lässt: der Kampf gegen die Rente mit 67. „Wer das fordert, der hat doch den Bezug zur betrieblichen Realität verloren. Rente mit 67, das heißt doch nur, die Menschen sollen krank in Rente gehen“, ruft Wetzel in die Menge. Und weiter: „Rente mit 67, das heißt doch nur, arbeitslos sein und Hartz IV bis 67.“

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