Türkei
Falke gegen Sultan

Der türkische Medienzar Aydin Dogan kämpft um sein Imperium und hat in Ministerpräsident Tayyip Erdogan einen mächtigen Feind: Seitdem die Dogan-Medien über windige Geschäfte eines Erdogan-Sohns und angebliche Korruptionsaffären berichteten, herrscht Krieg zwischen Dogan und Erdogan.
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ISTANBUL. Es gab Zeiten, da galt Aydin Dogan als einer der mächtigsten Männer der Türkei. Er kontrolliert nicht nur die drittgrößte Unternehmensgruppe, sondern mit der Dogan Yayin Holding (DYH) auch den größten Medienkonzern des Landes. "Man stelle sich ,FAZ´, ,Süddeutsche´, ,Welt´, RTL und Pro Sieben in einer Hand vor", beschreibt ein Marktkenner die publizistische Macht des Medienzars vom Bosporus. Doch jetzt ist das Imperium des Aydin Dogan, dessen Nachname Falke bedeutet, ins Wanken geraten. Denn er hat sich mit einem noch mächtigeren Widersacher angelegt: Ministerpräsident Tayyip Erdogan.

Nachdem der türkische Fiskus bereits im Februar eine Steuerstrafe von umgerechnet 390 Mio. Euro gegen die Mediengruppe verhängt hatte, brummten die Steuerprüfer ihr im September eine weitere Strafe in Höhe von 2,2 Mrd. Euro auf. Das entspricht dem Dreieinhalbfachen des aktuellen Börsenwerts von DYH. Gestern teilte Dogan mit, der Konzern sei mit einer Verfügung gegen den Verkauf von Aktien von Töchtern belegt worden. Aydin Dogan glaubt, dahinter stecke Erdogan: "Er will uns zerstören, weil wir ihm nicht gefügig sind", sagt der 73-Jährige. Und gestern kündigten die Steuerbehörden an, Bankkonten der Dogan-Gruppe einzufrieren. In ihrem Fortschrittsbericht, den sie morgen veröffentlicht, beschäftigt sich nun sogar die EU-Kommission mit dem Fall.

Tatsächlich steuert Dogans Mediengruppe, die mit Zeitungen wie "Hürriyet" und "Milliyet" sowie den Fernsehsendern "Kanal D" und "CNN Türk" rund die Hälfte des türkischen Markts kontrolliert, einen regierungskritischen Kurs. Erdogan könnte es vielleicht noch verschmerzen, dass ihn Dogan-Kolumnisten als "Sultan" verspotten - eine Anspielung auf seinen selbstherrlichen Regierungsstil und seine angebliche islamistische Agenda. Aber seit Dogan-Medien 2008 über windige Geschäfte eines Erdogan-Sohns und angebliche Korruptionsaffären berichteten, herrscht Krieg zwischen dem Sultan und dem Falken. Es geht nicht nur um die Existenz der Mediengruppe, an der die Axel Springer AG eine zehnprozentige Beteiligung hält. Bleibt es bei der Steuerstrafe, geriete das gesamte Imperium, das der Sohn eines Gemischtwarenhändlers aus dem nordostanatolischen Nest Kelkit in fünf Jahrzehnten aufgebaut hat, in Gefahr. Von einem Zusammenbruch der Dogan-Gruppe würde vor allem die konkurrierende Calik-Holding profitieren, die wie Dogan im Medien- und im Energiesektor tätig ist. Dass an der Spitze von Calik ein Schwiegersohn Erdogans steht, ist mehr als ein pikantes Detail dieses Machtkampfs.

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