„Türöffner“
Beamte werden Banker

Immer mehr weltweit agierende Finanzdienstleistungskonzerne kaufen sich aus dem Amt scheidende prominente Aufseher, Notenbanker und Finanzstaatssekretäre zu attraktiven Gehältern ein.

egl/mak FRANKFURT. Die deutsche Ikone der europäischen Notenbankwelt, der im Mai als erster Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) pensionierte Otmar Issing, ist nur das jüngste Glied in einer rasch länger werdenden Kette. Issing berät ab Januar 2007 die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Der Trend zum großen Geld ist umstritten. Während manche Aufseher und Notenbanker über die „Verwilderung der Sitten“ lamentieren, begrüßen andere „die neue Durchlässigkeit“ und die „gegenseitige Befruchtung des öffentlichen und privaten Sektors“. Öffentlich äußern mag sich kaum jemand.

Die Strategie der globalen Finanzdienstleister liegt auf der Hand: Sie suchen nicht nur Türöffner für das Neugeschäft. Weil sie sich in allen Teilen der Welt mit einigen hundert Aufsehern und Regulierern herumschlagen müssen, rüsten sie im gezielten Abwehrkampf gegen die Aufsichts- und Regulierungsinstanzen auf.

Den in letzter Zeit wohl größten Coup hat Jacques Aigrain, Präsident der Geschäftsleitung von Swiss Re, gelandet. Im Juni kaufte er mit Roger W. Ferguson, dem Ex-Vize der US-Notenbank Fed, die Schlüsselfigur der Aufsicht und Regulierung des Weltfinanzsystems der zurückliegenden Dekade ein. Aigrain hat Ferguson nicht nur die Leitung der US-Holding, sondern auch die Aufgabe zugeschanzt, für die gesamte Swiss-Re-Gruppe „die Versicherungsrisiken auf die Kapitalmärkte zu übertragen“. Davor, dass immer mehr solcher Risiken letztlich bei den privaten Haushalten landen, hatte Ferguson während seiner Zeit als wichtigster US-Aufseher und Regulierer immer wieder gewarnt. Dem Ruf des Geldes folgte auch Andrew Crockett, der als Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) viele aufstrebende Wirtschaftsmächte als neue BIZ-Mitglieder nach Basel holte. Heute verdient er im Dienste von J.P. Morgan Chase als Akquisiteur bei Zentralbanken und Regierungen vor allem in Asien Millionen.

Seit Jahren schon bei Goldman Sachs hat der frühere Präsident der New York Fed, Gerald Corrigan, bei der Entwicklung neuer Aufsichtsregeln für Hedge-Fonds eine Brückenfunktion zu den offiziellen Aufsehern übernommen. Sein Nachfolger an der Spitze der New York Fed, William McDonough, Architekt der neuen Eigenkapitalregeln Basel II – und nach den Bilanzskandalen wie Enron Präsident der Wirtschaftsprüferaufsicht PCAOB – arbeitet inzwischen für Merrill Lynch. Chef der Deutschland-Präsenz dieses Wertpapierhandelsriesen ist seit einiger Zeit der frühere Landeschef Lothar Späth. Der frühere Berliner Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser hat sich von der Deutschen Bank anheuern lassen.

Die meisten Bosse weltweit agierender Bankgiganten weisen es weit von sich, dass hinter der Akquisition der schillernden Namen letztlich eine Machtfrage steht. Sie betonen ihre Opferrolle unter der schweren Bürde weltweiter Überregulierung.

Welch massive politische Macht die Finanzbranche aber mobilisieren kann, musste vor einigen Jahren sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) erfahren. Auf Betreiben der internationalen Finanzlobby wurde dem damals noch als IWF-Geschäftsführer amtierenden Horst Köhler das Instrument eines effizienten neuen Insolvenzverfahrens für Staatspleiten aus der Hand geschlagen. Übrig blieben „Grundsätze für stabilen Kapitalverkehr und faire Umschuldungen in Schwellenländern“, die die Handlungsspielräume der Banken praktisch nicht einschränken.

Finanzbranche gegen Aufseher

Großbankenlobby
Im April wurde unter dem Dach des Großbankenverbandes IIF eine neue „Expertengruppe für den strategischen Dialog mit der öffentlichen Seite“ aus der Taufe gehoben. Ziel: Aufseher und Regulierer sollen von den Marktakteuren lernen. Zur Moderation wurde unter anderem der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, gewonnen.

Regulierungslast
Nach Angaben von HSBC-Chef Stephen Green muss seine Bank die unterschiedlichsten Anforderungen von 500 Aufsichtsbehörden in aller Welt einhalten. HSBC ist Europas größte Bank mit 250 000 Mitarbeitern in 77 Ländern. Unter anderem bei Basel II würden zudem gleiche Risiken von Land zu Land unterschiedlich interpretiert. William Harrison, Aufsichtsratsvorsitzender von J.P. Morgan Chase, beklagt die Prozess- und Haftungsrisiken großer US-Banken. Die Entschädigungen wegen Regulierungsverstößen überstiegen alle akkumulierten Handelsverluste der Häuser.

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