Tui-Machtkampf
Panzer mit weicher Schale

Der russische Stahl-Oligarch Alexej Mordaschow entscheidet mit darüber, wer beim Reisekonzern Tui künftig das Sagen hat
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MOSKAU. Wo ist Alexej Mordaschow? Viele Tui-Aktionäre würden wohl gerne bei der Hauptversammlung morgen einen Blick auf den 42-jährigen Stahlmilliardär werfen – doch Mordaschow wird nicht dort sein. Dabei ist er die entscheidende Figur im Machtkampf, der seit Monaten um den Reise- und Schifffahrtskonzern tobt.

Seine Stimmen werden im Congress-Centrum in Hannover mit darüber entscheiden, ob es dem norwegischen Großaktionär John Fredriksen gelingt, Tui-Vorstandschef Michael Frenzel eine schwere Niederlage beizubringen: die Abwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden Jürgen Krumnow. Fredriksen wirft Krumnow Versagen bei der Kontrolle Frenzels vor.

Mordaschow gilt dagegen als Freund Frenzels, seit er über seine Investmentgesellschaft S-Group überraschend zehn Prozent an Tui erworben und ein Tourismus-Joint-Venture mit dem Dax-Konzern gegründet hat. Zudem platzierte er seinen Partner bei der S-Group, Wladimir Jakuschew, als Nachfolger des österreichischen Alt-Kanzlers Franz Vranitzky im Aufsichtsrat.

Was aber will der junge Unternehmer bei Tui? Wie weit will er sich in den Kleinkrieg des Vorstandschefs mit seinem größten Aktionär hineinziehen lassen?

Bisher hat Mordaschow vor allem die Gerüchteküche brodeln lassen, indem er sich nur spärlich und zum Teil widersprüchlich über sein Tui-Engagement geäußert hat. Es sei zu früh, um über einen weiteren Ausbau seiner Beteiligung zu reden, vertraute er einer russischen Zeitung an und dementierte damit Berichte über eine bevorstehende Verdoppelung seiner Anteile.

In Russland nennen sie ihn den „Panzer“ – ein Spitzname, der so gar nicht zu seinem jungenhaften Gesicht und seiner gewinnenden freundlichen Art passen will. Er spricht fließend Englisch und Deutsch, seit 2000 sitzt er in der Russisch-deutschen Regierungskommission für strategische Zusammenarbeit und glänzt dort durch aktive Mitarbeit und westliche Gesinnung. Er gilt aber auch als knallharter Manager, der sich von einem Engagement sehr schnell wieder trennt, wenn es sich nicht für ihn rechnet.

Dabei hat er einige Rückschläge einstecken müssen: Bekannt im Westen wurde er vor allem als „weißer Ritter“, der vor zwei Jahren den Stahlkonzern Arcelor vor einer Übernahme durch den indischen Konkurrenten Mittal retten sollte. Am Ende war das Vertrauen in die Inder aber größer als das in den Russen – eine schmerzliche Niederlage.

Aus der habe er aber gelernt, heißt es in seinem Umfeld: Dass es auf dem internationalen Finanzparkett in London, New York oder Frankfurt nicht nur darauf ankommt, wie viel Geld einer mitbringt – sondern auch darauf, wie transparent das Geschäft ist und welchen „Stallgeruch“ man hat. Er, der Stahl-Oligarch, war vielen schlicht suspekt.

Das hat sich inzwischen teilweise geändert: Seinen Konzern Severstal, eine der größten Stahlschmieden Russlands, hat er umgebaut und an die Londoner Börse gebracht. Sein Zentrum liegt aber immer noch in Tscherepowez, der Stahl-Stadt 600 Kilometer nördlich von Moskau. Hier wurde er geboren, seine Eltern malochten im riesigen Kombinat. Hier liegt auch der Schlüssel zu seinem Aufstieg und Reichtum. Nach Schätzung des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ macht ihn sein Vermögen von 24,5 Mrd. Dollar derzeit zum zweitreichsten Russen. Zum Vergleich: Tui ist an der Börse derzeit 4,6 Mrd. Euro wert.

Mordaschow paukt sich nach oben. Nach Ende seines Wirtschaftsstudiums mit Lenin-Stipendium in St. Petersburg heuert er 1988 im Kombinat an, wo der intelligente junge Mann schnell zum Protegé des Generaldirektors wird. Im Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Beginn der Privatisierung ergreift Mordaschow seine Chance: Er gründet eine Handelsgesellschaft, die den Stahl des Kombinats verkauft und aus dem Gewinn gleichzeitig die Anteile der Mitarbeiter aufkauft. Das alles sei mit rechten Dingen zugegangen, betont er, damals habe sich einfach niemand für Aktien interessiert. Berichte, das Management habe die Löhne zurückgehalten, um die Arbeiter zum Verkauf zu bringen, bestreitet er.

Während einige Oligarchen in den neunziger Jahren ihre Unternehmen ausplündern, beginnt Mordaschow, Severstal zu modernisieren und zu einem der wichtigsten Unternehmen Russlands zu formen. Er fällt nicht durch den Kauf immer längerer Yachten und größerer Häuser auf, sondern baut Profitcenter und verringert die Umweltverschmutzung.

Daneben erweitert Mordaschow sein Wirtschaftsimperium: Versicherungen, Maschinenbau – und nun Tourismus. Russlands Wirtschaftsboomgewinner zieht es von Jahr zu Jahr in größerer Zahl ins Ausland. Die Branche wächst. Neben dem Geschäft mit den Pauschalreisen könnte Mordaschow die Zusammenarbeit mit Tui auch für den Einstieg ins Hotelgeschäft nutzen.

Der Zeitpunkt dafür ist günstig: Der Kreml will Milliarden in den Ausbau des Tourismus investieren. Mordaschow hat nicht nur gute Drähte zum Präsidenten und künftigen Regierungschef Wladimir Putin, sondern auch zu dessen Umfeld. Putin-Nachfolger Dmitrij Medwedjew hat bereits die Parole an seine russischen Unternehmer ausgegeben: Kauft euch im Ausland ein, wir brauchen das Know-how!

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