Überraschende Berufung
Nikolaus von Bomhard: Der große Unbekannte

Ihn hatte niemand auf der Rechnung: Ab nächstem Jahr soll von Bomhard die Münchener Rück führen. Die Erwartungen an den 46-jährigen Juristen könnten kaum größer sein.

MÜNCHEN. Jugendstil-Wandgemälde, breite Treppenaufgänge, hohe Fenster: die Hauptverwaltung der Münchener Rück an der Königinstraße, direkt am Englischen Garten, strahlt Gediegenheit aus. Hier herrscht herrschaftliche Ruhe statt aufgeregter Hektik. Hier wird Tradition groß geschrieben.

Nikolaus von Bomhard bewegt sich völlig natürlich in dieser Umgebung. „Heute mal Weißwein“, flüstert er mit einem freundlichen Lächeln dem Kellner im hauseigenen Casino zu, nach einem Blick auf das Menü. Zum Glas greift von Bomhard, der als Jugendlicher auch mit dem Beruf des Diplomaten liebäugelte, erst, als alle die Vorspeise vor sich stehen haben. Ein Gastgeber mit perfekten Umgangsformen eben, elegant im Äußeren, zuvorkommend und höflich im Gespräch.

Der 46-Jährige, der Anfang dieser Woche zum designierten Vorstandsvorsitzenden des Konzerns ausgerufen wurde, verkörpert nahezu perfekt das jahrzehntealte Image des Versicherers. Aber der Zeitpunkt für seine Ernennung kam für viele, auch in der Münchener Rück, völlig überraschend. Spekulationen, der seit fast elf Jahren amtierende Konzernchef Hans-Jürgen Schinzler sei amtsmüde, gab es zwar schon länger. Doch eine quälende Nachfolgedebatte konnte der 62-Jährige vermeiden.

Am Montagnachmittag dann die Überraschung: Nicht Controllingvorstand Jörg Schneider, wie von vielen erwartet, sondern von Bomhard wird am 1. Januar kommenden Jahres das Erbe antreten – einstimmig vom Münchener-Rück-Vorstand vorgeschlagen. „Eine gute Wahl“, meint Personalvorstand Detlef Schneidawind. Er verrät: Von Bomhard gehöre schon seit längerem zum engen Favoritenkreis. Die Entscheidung sei bereits vor etwa drei Monaten gefallen, und man ist im Konzern besonders stolz, dass nichts nach außen gedrungen ist.

Der Erwartungsdruck, der schon jetzt auf Bomhard ruht, ist groß. Mehr Transparenz, mehr Klarheit, mehr Offenheit – das wird von dem Neuen gefordert. Er soll die traditionell verschlossene Münchener Rück, die derzeit angesichts von Börsenkrise, Naturkatastrophen und den Terrorschäden in New York in Schwierigkeiten steckt, zurück zu alter Stärke führen. Ein erster Schritt: Die Aktie legte am Tag seiner Ernennung um acht Prozent zu. „Eine gelungene Überraschung“, loben die Analysten von J.P. Morgan.

Doch der promovierte Jurist wiegelt erst mal ab: „Ein Strategiewechsel ist nicht nötig.“ Kontinuität ist bei der Münchener Rück Trumpf. Konkret will er erst im kommenden Januar werden, wenn er auch offiziell im Amt ist. Doch klar ist, dass er den Konzern wieder auf das Versicherungsgeschäft konzentrieren wird. „Ich bin von meiner Herkunft her ein Versicherer“, räumt er offen ein. Am Mittwoch kündigte der amtierende Chef Schinzler schon mal vorsorglich an, dass man sich von der Beteiligung an der Hypo-Vereinsbank mittelfristig trennen könnte.

In der Öffentlichkeit ist von Bomhard – die Familie ist seit rund 200 Jahren im Adelsstand – ein Unbekannter. Selbst mancher Vorstand von großen deutschen Rückversicherern kennt den Münchener nur vom Namen her. Kein Wunder, arbeitete der designierte Rück-Chef doch lange im Ausland. Von Bomhard, der vier Fremdsprachen spricht, ist in der Welt zu Hause. Sein Gesellenstück lieferte er in Brasilien ab, wo er in drei Jahren die Präsenz der Münchener Rück aufbaute. Zuletzt betreute er im Vorstand die Region Lateinamerika und fast das gesamte Europa-Geschäft. Auch mit dem neuen Allianz-Chef Michael Diekmann ist er nur flüchtig bekannt. Doch das soll sich schnell ändern: Die beiden Neuen an der Spitze der zwei Münchener Weltkonzerne, die seit ihrer Gründung eng verbandelt sind, wollen sich bald näher kennen lernen.

Man darf gespannt sein, wie sie miteinander auskommen. Diekmann ist der beherrschte Westfale, der sich kaum aus der Ruhe bringen lässt. Dagegen wirkt der Bayer von Bomhard schon fast südländisch. Im Gespräch ist er lebhaft, gestikuliert mit den Händen, will überzeugen. Seine leicht bayerische Sprachfärbung tut das Übrige.

Und auch von Schinzler, der künftig den Aufsichtsrat führen will, unterscheidet sich der Neue: Er wirkt lebhafter und zugänglicher als sein steifer Mentor. Anders als Schinzler will der Bayern-München-Fan mehr in die Öffentlichkeit. Eine lange Amtszeit wird er wohl haben, auch das ist bislang Tradition. Von Bomhard ist erst der achte Vorstandschef in der 123-jährigen Geschichte – Nikolaus der Erste.

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