Überraschende Entscheidung
Thain wird Chef bei Merrill Lynch

Der Chef des transatlantischen Börsenbetreibers Nyse Euronext, John Thain, wird Nachfolger von Stanley O?Neill als Konzernchef der US-Investmentbank Merrill Lynch. Der Schritt überrascht Wall-Street-Insider. Von einem einem "Schock" für einige Merrill-Lynch-Vorstände ist gar die Rede.

NEW YORK. John Thain übernimmt den Spitzenposten bei der US-Investmentbank Merrill Lynch am 01. Dezember, erklärte das Institut am Mittwoch.

Viele hatten mit der Ernennung von Larry Fink, dem Gründer der US-Vermögensverwaltung Blackrock, gerechnet hatten. Wegen seiner Erfahrung als Experte im Kreditmanagement galt der 54-jährige Kalifornier als erster Anwärter auf den Posten bei Merrill Lynch. An seiner Firma Blackrock hält die Bank 49 Prozent der Anteile.

Dass John Thain das Rennen machte, sei für einige Merrill-Lynch-Vorstände "ein Schock", schreibt das "Wall Street Journal" zu der Entscheidung. Der 52-Jährige Arztsohn aus Illinois hat die altehrwürdige New York Stock Exchange (NYSE) zwar erfolgreich an die Börse geführt und über die Euronext-Fusion zu einem weltweit führenden Börsenbetreiber geformt. Trotz seiner mehr als 20 Karrierejahre bei Goldman Sachs hat er allerdings nie eine große Broker-Einheit bei der Investmentbank geleitet. Statt dessen hat sich Thain einen Namen als Spezialist für Hypothekenbonds gemacht, die im Zuge der aktuellen Krise eine entscheidende Rolle spielen.

Thains Vorgänger O'Neal musste abtreten, nachdem Merrill Lynch im dritten Quartal einen Verlust von 2,3 Mrd. Dollar sowie Sonderabschreibungen in Höhe von 8,4 Mrd. Dollar ausgewiesen hatte. Der Verlust war sechsmal höher als nur wenige Wochen zuvor angekündigt und führte zum schlech-testen Ergebnis in der 93-jährigen Firmengeschichte des New Yorker Traditionshauses. Ursache waren Not leidende Kredite und Fehlspekulationen im Zuge der Hypothekenkrise. Zudem war durchgesickert, dass O'Neal Verkaufsgespräche mit der viertgrößten US-Bank Wachovia geführt hatte, ohne vorher den Verwaltungsrat zu unterrichten. Bis vor wenigen Monaten war O'Neal an der Wall Street noch als Star-Banker gefeiert worden, weil er Merrill Lynch nach dem Abgang von David Komansky internationalisiert und aus der Krise geführt hatte. Doch seine riskante Strategie fiel O?Neill schließlich mit Milliarden-Abschreibungen wieder auf die Füße.

Nachfolger Thain steht deshalb vor gewaltigen Aufgaben. Noch immer hat Merrill Lynch eigenen Angaben zufolge gebündelte Schuldverschreibungen und Subprime-Hypothekenkredite mit einem Buchwert von rund 20 Mrd. Dollar in der Bilanz stehen. Die Bestände können derzeit nur unter hohen Verlusten abgebaut werden, da der Markt für diese riskanten Derivate wie ausgetrocknet ist. Analysten halten es deshalb für entschei-dend, dass Thain in erster Linie das Risikomanagement mit mehr Augenmaß betreibt als zuvor O?Neill. Einige Experten erwarten unter dem neuen Merrill-Lynch-Chef eine Annäherung an den Bankenriesen Citigroup, weil Thain als enger Verbündeter des Citi-Verwaltungsrats Robert Rubin gilt.

Für den Posten als Nachfolger von Thain bei der NYSE Euronext wird Duncan Niederauer hoch gehandelt, der bisherige Vorstand und Co-Chief-Operating Officer. Auch dem CEO von Euronext, Jean-Francois Theodore, werden Chancen eingeräumt. Blackrock-Gründer Fink könnte derweil im Rennen um die Nachfolge von Chuck Prince bei Citigroup in die Favoritenrolle schlüpfen, wird in der Branche spekuliert. Sowohl Citi als auch Merrill Lynch hatten sich im Zuge der Finanzkrise kürzlich von ihren Konzernchefs getrennt und damit Schockwellen durch die Wall Street gesendet.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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