Ulrich Lehner
Ulrich Lehner, der rheinische Ruhepol

Spitzelaffäre, Datenklau, Vorstandsumbau und Gewinnwarnung: Eine Aufregung nach der anderen erschüttert die Deutsche Telekom. Chefaufseher Ulrich Lehner muss dringend für neues Vertrauen sorgen.

DÜSSELDORF/HAMBURG. Sensible Unterlagen kommen in den braunen Lederkoffer. Im Lauf der Zeit tüchtig angekratzt, zeugt er ungebrochen von Eleganz. Wie geschaffen für seinen Träger: Ulrich Lehner, der am Freitag 63 Jahre alt wird.

Die Tasche des Telekom-Chefaufsehers hat Geschichte. Sie erinnert den früheren Henkel-Chef an die geglückte Beteiligung am US-Reinigungsanbieter Ecolab vor 19 Jahren. „Auf der Gegenseite hatten alle diese Koffer“, sagt Lehner. „Sie klappten die Deckel hoch und verschanzten sich dahinter.“ Für seine Leute habe er dieselben Koffer gekauft, sagt der Düsseldorfer. Diese Mischung aus rheinischem Witz und persönlicher Souveränität macht ihn zur Stütze des affärengeplagten T-Riesen.

Mit der morgigen Hauptversammlung in der Kölner Lanxess-Arena ist Lehner ein Jahr offiziell im Amt. Zwölf Monate, die zu den turbulentesten zählen, die der Ex-Staatskonzern erlebt hat: Spitzelaffäre, Datenklau, Vorstandsumbau und Gewinnwarnung folgten aufeinander.

Lehner ahnt davon noch nichts, als er sich kurz vor dem Rücktritt seines Vorgängers Klaus Zumwinkel im Februar 2008 bereiterklärt, die Nachfolge des Steuersünders anzunehmen. Erst Ende April, da hat der Aufsichtsrat Lehner zum Vorsitzenden bestellt, kommt der entscheidende Anruf von Konzernchef René Obermann: „Es gibt ein Problem.“

Obermann und der damalige Chefjustiziar und heutige Datenschutzvorstand Manfred Balz eilen daraufhin nach Düsseldorf und beichten Lehner die Spitzelaffäre, die ihnen seit Monaten bekannt war. Die Telekom hatte Telefonate von Räten und Journalisten ausspioniert.

Der Skandal zog Kreise. Obermann stand als Ex-Vorstand der Mobilfunksparte im Verdacht, in die Affäre verstrickt zu sein. Belege sind bislang nicht aufgetaucht. Kaum an Bord, wird Lehner zum einzig stabilisierenden Faktor des schlingernden Bonner Dickschiffs. „Die Arbeit im Aufsichtsrat war nicht ganz einfach“, räumt er mit typischem Understatement ein. Die Kontrolleure seien selbst betroffen gewesen. Die undichten Stellen im Aufsichtsrat, die man mit der Spitzelei finden wollte, existierten womöglich noch. „Unter solchen Umständen ist eine unbefangene Arbeit nicht möglich“, sagt Lehner und rückt seine große Brille zurecht, die gern verrutscht.

Wohltuende Ruhe habe er ins Unternehmen gebracht, ist zu hören. Aus dem Umfeld des Aufsichtsrats heißt es, der Chefkontrolleur habe den Prozess des Aufarbeitens vorangetrieben. Die Aufklärung selbst ist Sache des Vorstands, Lehner verfolgt diese Arbeit genau. „Er interessiert sich außerordentlich für das Thema und hält intensiv Kontakt mit mir“, sagt Datenschutzvorstand Manfred Balz.

Trotz Telekom-Stress hat Lehner keines seiner vielen Ämter aufgegeben: Er führt den Verband der Chemischen Industrie, ist Vize des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) und Aufsichtsrat von Porsche. Wegen der Probleme bei der VW-Übernahme schätzt man seine Finanzkenntnis dort sehr.

Lehner bedauert nur, nicht mehr Herr über die eigene Zeit zu sein. Nicht einmal mehr zum Laufen kommt er. „Bei Henkel habe ich die Tagesordnung vorgegeben“, sagt er. „Bei der Telekom gibt es neben der Kontrolle externe Überraschungen, die meinen sofortigen Einsatz erfordern.“ Eine dezente Umschreibung für diverse Störfälle beim Konzern.

Grundsätzlich bleibt Lehner aber im Hintergrund. Anders als Zumwinkel ziehe er eine klare Grenze zwischen Management und Aufsichtsrat, heißt es in Konzernkreisen. Ex-Post-Chef Zumwinkel habe öfter bei der Telekom vorbeigeschaut. Wohin diese Besuche geführt haben, meint die Telekom zu wissen: Zumwinkel habe seine Kompetenzen überschritten und gemeinsam mit Ex-Vorstandschef Kai-Uwe Ricke einen Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung mit den Spitzeleien beauftragt, argumentiert der Konzern. Pünktlich zur Hauptversammlung sichert die Telekom sich ab und fordert knapp eine Million Euro Schadensersatz von beiden.

Lehner steht für Solidität und Ausgleich. Arbeitnehmervertreter loben, er höre sich anders als Zumwinkel auch ihre Belange an. Der Ton im Aufsichtsrat habe sich entschärft.

Diese Diplomatie kommt bei der Arbeitgeberseite nicht gut an. „Lehner muss etwas mehr gegen Verdi beißen“, heißt es dort. Im Umfeld eines anderen Vertreters der Kapitalseite ist zu hören, als Ex-Chef eines Familienunternehmens habe Lehner nicht die beste Ausgangslage für die Kontrolle eines Dax-Riesen mit dem Bund als Hauptaktionär. Noch sei es zu früh, um seine Arbeit zu bewerten. Lehner selbst empfindet seine Vergangenheit nicht als Nachteil. Sie habe ihn vielmehr gelehrt, „die Beziehung zwischen Großanleger, Management und Unternehmen sorgfältig zur Kenntnis zu nehmen“.

Kritik erntet er, als er beim Konzernumbau Anfang des Jahres den Vorstand mit Weggefährten Obermanns besetzt. Dadurch ist die Telekom sehr auf den Chef zugeschnitten. Diese Gefahr sieht er zwar, betont aber: „Ich achte schon von Amts wegen genau darauf, dass die Balance eingehalten wird.“ In der vergangenen Woche überraschte das neue T-Team mit einer Gewinnwarnung. Die Aktie sackte auf neun Euro. Der passionierte Handysammler wird auf der HV seinen rheinischen Charme aufbieten müssen, um die Anleger zu besänftigen.

Am Tag danach will er feiern, samt Familie und dem einflussreichen Hund. In seinem Haushalt gibt der Vierbeiner den Ton an. Lehner: „Mein Hund jault immer, wenn ich Klarinette spiele, dem ist der Kontrabass lieber.“

Ulrich Lehner

1946 Er wird am 1. Mai in Düsseldorf geboren. Später studiert Ulrich Lehner Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau an der TU Darmstadt und macht 1972 sein Diplom.

1975 Lehner promoviert und arbeitet als Wirtschaftsprüfer für KPMG in Düsseldorf.

1981 Er wechselt zum Henkel-Konzern in das Zentralressort Abschlüsse. Zwei Jahre später wechselt er zu Friedrich Krupp nach Essen ins Controlling.

1986 Lehner kehrt als Bereichsleiter Controlling zu Henkel zurück und wird

1991 Geschäftsführer Asia Pacific von Henkel in Hongkong. Er wird 1995 Henkel-Finanzchef.

2000 Er steigt zum Vorsitzenden der Geschäftsführung auf.

2008 Lehner gibt am 1. Mai seinen Posten ab und wird Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom in Bonn.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid
Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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