"Umgangsformen sind der beste Reisepass durchs Leben"
Der feine Unterschied

Wer glaubt, Top-Manager hätten automatisch auch Top-Manieren, der irrt. Im Interview erläutert Stil-Expertin Baronin Nadine de Rothschild die Bedeutung guten Benehmens für die Karriere.

Madame de Rothschild, kann man sich heute gute Manieren noch leisten?

Aber natürlich, denn gute Umgangsformen sind der beste Reisepass durchs Leben. Ein Manager – mag er auch noch so viele Doktortitel und Abschlüsse besitzen – wird es nicht weit bringen, wenn er sich nicht zu benehmen weiß. Das Ideal in der Geschäftswelt sind immer noch ausgezeichnete Abschlüsse und gute Umgangsformen.

Doch viele Leute, die es ganz nach oben geschafft haben, scheinen die guten Manieren vergessen zu haben?

Aggression und Unfreundlichkeit scheinen heute überall zu regieren. Kürzlich hatte ich einen Auftritt im französischen Fernsehen, und da fiel mir die Sprache dort auf. Gerade die Frauen, die beim Fernsehen arbeiten, sind furchtbar vulgär, schlimmer als die Männer. Wahrscheinlich haben diese TV-Ladies Angst davor, alt zu wirken und bedienen sich, vor einem Millionenpublikum, einer Gossensprache, die ich erschreckend finde. Aber es gibt noch Männer und Frauen, die sich im Auftritt und im Umgang mit anderen um eine gewisse Eleganz bemühen.

Welche Fauxpas können Sie gar nicht entschuldigen?

Es fällt mir schwer, mit Dummheit umzugehen.

Dummheit lässt sich leider nicht ändern, was stört Sie noch?

Jasager und Heuchler sind kaum zu ertragen. Ich finde Leute schrecklich, die ständig zu allem Ja und Amen sagen, um dann wenig später hinter dem Rücken des anderen das Gegenteil zu behaupten. Dieser Mangel an Klarheit kommt schlechtem Benehmen sehr nahe.

Unpünktlichkeit – mit der Zeit der anderen großzügig umgehen – schätze ich gar nicht. Wenn ich eingeladen habe und manche Gäste sind nach zwanzig Minuten immer noch nicht da, dann fangen wir mit dem Essen an. Länger zu warten, wäre respektlos gegenüber den pünktlich Erschienenen – und auch gegenüber dem Koch.

Welche Fehler können Sie am ehesten nachsehen?

Am ehesten kann ich noch Fehler in der Liebe verzeihen. Wenn sich jemand irrt und dann entsprechend verhält.

Welche Mankos wirken sich Ihrer Meinung nach heute besonders nachteilig auf eine Karriere aus?

Wer keine Fremdsprachen spricht, hat schon verloren. Es ist unhöflich gegenüber den anderen, wenn man nur in seiner Muttersprache reden kann. Und: Leute, die unablässig über sich selbst reden, die ständig das Gespräch an sich reißen, sind unerträglich. Zuhören können ist wichtig für die Karriere und auch im Leben.

Aggressives Auftreten ist fürs Vorankommen ziemlich hinderlich, denn es wirkt abstoßend. Wer die Leute, mit denen er zusammenarbeitet, nicht respektiert, hinterlässt ebenfalls einen schlechten Eindruck.

Was würden Sie einem jungen Manager raten, der ganz nach oben und daher auch auf dem sozialen Parkett reüssieren will?

Er sollte über Eleganz in Stil und Auftritt verfügen, mehrere Fremdsprachen und vor allem die Kunst des Small Talks beherrschen. Wer bei seinem Chef eingeladen ist und nur übers Geschäft reden kann, der fällt unangenehm auf.

Und ich würde ihm raten, zu lernen, wie man Frauen den Hof macht. Ob es nun die Frau des Chefs ist, eine Sekretärin oder eine Kollegin, oft kommen Männer dank einer Frau nach oben.

Wenn er oben angekommen ist, wie soll er dann mit Neid und Missgunst umgehen, den unangenehmen Begleiterscheinungen des Erfolgs?

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass andere immer neidisch sind, wenn man besser ist als sie. Ich habe da meine eigene Philosophie: Ich höre nichts, sehe nichts und sage nichts. Es hilft enorm, wenn man Leute, die einem übel wollen, gar nicht beachtet.

Fällt das nicht schwer?

Natürlich, aber man muss sich diese Haltung einfach aneignen, denn damit lebt es sich doch wesentlich leichter.

Wie war das bei Ihnen? War es nicht schwierig, sich plötzlich in den höchsten Kreisen Frankreichs, zu denen die Familie Rothschild ja gehört, zurechtzufinden?

Ich wusste vor meiner Heirat, was diese Familie darstellt und worauf ich mich einlasse. Da ich sehr diszipliniert bin, habe ich mir schnell alles angeeignet, was erforderlich war. Wenn man sich bemüht und seine Sache gut macht, wird man auch akzeptiert.

Welche Unterschiede fallen Ihnen in verschiedenen Ländern auf, etwa in den USA und Frankreich?

Die Amerikaner sind in allem, was sie tun und vor allem, was das schnelle Erreichen eines Ziels angeht, sehr professionell. Die Franzosen können da nicht mithalten. Aber dafür besitzen sie noch gewisse Feinheiten im Umgang miteinander, etwa bei den Tischsitten, und sie rücken Frauen selbstverständlich den Stuhl zurecht. Leider wird das immer weniger, die Franzosen sind mittlerweile recht „amerikanisiert“.

Was mich trotz aller Professionalität an den Amerikanern stört, ist die schnelle Vertraulichkeit, die sie an den Tag legen. Dieses ständige Duzen finde ich unangebracht, denn man sollte gerade im Geschäftsleben eine gewisse Distanz wahren. Distanz zu wahren würde ich jedem jungen Manager raten, der Karriere machen will.



Die Fragen stellte Juliane Lutz, Handelsblatt



Baronin Nadine de Rothschild war Schauspielerin, bevor sie in die berühmte Pariser Bankier-Dynastie einheiratete. Die Bestsellerautorin - bisher sind neun Bücher erschienen - gilt in Frankreich als Königin des guten Benimm. Nebenbei wirbt sie in der ganzen Welt für die Rothschild Weingüter „Chateau Clarke“ und „Chateau Malmaison“, engagiert sich seit 40 Jahren in diversen Rothschild-Stiftungen. Seit drei Jahren ist sie die Präsidentin des Musik-Festivals von Gstaad, das am 18. Juli 2003 wieder beginnt.

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