Umsteiger wider Willen
Webasto-Chef hat Sinn für schöne Formen

Franz-Josef Kortüm, einst als Audi-Chef geschasst, fährt den Autozulieferer Webasto erfolgreich durch die Branchenflaute. Kortüm ist seit seit über vier Jahren Vorstanfschef des Unternehmens.

Franz-Josef Kortüm schaut mit seiner randlosen Brille zufrieden aus dem Fenster seines Büros ins Grüne. Der 53-jährige Chef des Automobilzulieferers Webasto hört das beruhigende Plätschern des Flüsschens Würm, das direkt am Gebäude vorbeifließt. In Stockdorf im Würmtal, auf halber Strecke zwischen Starnberger See und München, ist seit 1907 der Stammsitz des Familienunternehmens. Und seit fast neun Jahren ist Kortüm als externer Manager nun Vorstand bei dem Hersteller von Dachsystemen und Standheizungen, seit über vier Jahren auch Vorstandschef.

„Ich habe den Schritt zu Webasto noch zu keinem Zeitpunkt bereut“, fühlt sich der ehemalige Audi-Chef mit dem lichten Haar bei dem Familienunternehmen sichtbar wohl. Sein Büro hat er mit schwarzen Leder- Stahlmöbeln von Le Corbusier eingerichtet. Er mag den Stil auch zu Hause, mischt ihn dort aber mit antiken Möbeln. Die Automodelle in der Vitrine outen ihn als Cabrio-Liebhaber. In seiner Garage steht ein Jaguar-Roadster Baujahr 1958. Kortüm hat Sinn für schöne Formen. Früher hat er sogar selbst Autos gezeichnet.

Vor allem liebt er schnelle Wagen, und das schon seit Kindesbeinen an. Mit dreizehn bastelte er in der Werkstatt seines Vaters aus einem Ket-Car und einem Mopedmotor einen Gokart. Als er einmal beim Bremsen in die Kette griff, hätte er fast die Finger verloren. Die Leidenschaft für Motoren und Fahrzeuge blieb von dem Missgeschick unberührt. So kam er nach seinem Betriebswirtschaftsstudium bald zu Daimler-Benz, wo er es bis in die Geschäftsleitung des deutschen Daimler-Vertriebs schaffte. Im Frühjahr 1992 holte ihn Ferdinand Piëch in den Audi-Vorstand – ein schicksalhafter Wechsel, wie sich bald herausstellte.

Kortüm gilt als eines der prominentesten Opfer von Ex-VW-Chef Ferdinand Piëch. Als Piëch zum Jahresbeginn 1993 von Audi an die Spitze des Wolfsburger Konzerns wechselte, machte er Kortüm zu seinem Nachfolger. Aber bereits 13 Monate später schmiss er den Manager hinaus.

Dass er immer wieder darauf angesprochen wird, bringt den schlanken, mittelgroßen Manager nicht aus der Ruhe. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen und habe damals einen guten Job gemacht“, sagt Kortüm. Er habe das Pech gehabt, bei hohen Lagerbeständen zu seinem Start eines der schlechtesten Auto-Jahre erwischt zu haben. Aber vielleicht sei er auch etwas zu optimistisch an die Sache herangegangen, räumt er ein.

Der Rausschmiss war ein Schock. Plötzlich war er seine Traumposition „Chef eines Autounternehmens“ los. Aber die Zeit danach habe ihn persönlich weitergebracht. „Man lernt da seine wirklichen Freunde kennen“, sagt Kortüm, „und auch welche Freundlichkeiten sich als Oberflächlichkeiten entpuppen, weil sie nur der Funktion als Chef gelten.“ Seither ist ihm der Einklang von Familie und Job wichtig.

Webasto kam da nach acht Monaten Pause wie gerufen. Die Frau und die drei Kinder mussten nicht aus dem Haus nördlich von München ausziehen. Auch könne man bei einem Mittelständler mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz mehr direkt bewegen, findet er im Rückblick. Ressentiments gegen Audi – „ein Kunde wie andere auch“ – kann sich Kortüm nicht leisten, der derzeit einen A8 als Dienstwagen fährt.

Im Audi-Konzern hat er noch heute den Ruf als sehr geradliniger und selbstbewusster Manager. Aber er sei „sehr detailorientiert“, berichtet ein früherer Kollege. Das sei nicht immer zu seinem Vorteil gewesen, weil er so schon mal die große Linie aus den Augen verloren habe. Webasto-Mitarbeiter berichten, dass sich der Chef sogar um die Größe von Blumenkübeln kümmere. Kortüm gibt zu, dass er sehr penibel sein kann und Unordnung hasst. In seinem Büro finden sich keine Papierstapel. Die Glaswände reichen bis zum Boden.

Der Westfale fühlt sich bei Webasto anscheinend so wohl, dass er seinen auslaufenden Vertrag verlängern will, trotz anderer Angebote die er nach eigenen Angaben aus der Automobilindustrie erhalten hat. Damit lässt er wohl mit 53 Jahren seine letzte Chance zur Rückkehr zu einem Hersteller aus.

Aber das ficht ihn nicht an. Er will mit Webasto Gas geben. In den nächsten fünf Jahren will Kortüm, der in der Branche als harter Verhandlungspartner gilt, den Umsatz um die Hälfte steigern, vor allem durch neue Dachkonstruktionen. Bei der Automobilausstellung in Frankfurt wird er ein Konzeptauto vorstellen. Größter Gag: eine ausfahrbare Schuhputzmaschine für Geländeautos. Die Idee dürfte vom Chef kommen, der einen Schuhtick hat. Seine Füße, Größe 46, passen nur in sehr schmale Modelle, die er eigenhändig auf Hochglanz poliert.

Der Mann mit den feinen Manieren ist aber nicht zum Gutmenschen mutiert. Mit seinem Betriebsrat verhandelt er derzeit hart über längere Arbeitszeiten, denn jedes Jahr müssen die Kosten herunter. Im ersten Halbjahr gelang es ihm, den Umsatz um fünf Prozent auf 650 Millionen Euro zu erhöhen – eine gute Basis für seine Vertragsverlängerung.

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