Unternehmen bekommen Thema nicht in den Griff
Weg mit den Wissenshortern

Die meisten Manager verstehen Wissensmanagement falsch - und gefährden den Bestand des Unternehmens. Die Folgen: Produktivitätsverluste, geringere Kosteneinsparungen und Bauch-Entscheidungen. Den alltäglichen Wahnsinn zeigt eine aktuelle Umfrage bei Deutschlands Unternehmen. und 800 Unternehmen.

So einer muss erst erfunden werden: Ganz uneigennützig verteilt er sein Wissen freigiebig an die Kollegen. Nur um seinem Unternehmen treu zu dienen – denn befördert wird er dafür nie. Auf den Chefsessel kommt eben keiner wegen guter Tipps oder Hilfsbereitschaft.

Selber schuld, höhnen die Erfolgsmenschen, die den Alltag regieren. Sie erklimmen die Karriereleiter, horten Wissen, ächten Hilfsbereitschaft als Schwäche – und stellen die eigenen, persönlichen Interessen tunlichst vor die des Unternehmens.

Und weil die Unternehmen diesem Grundproblem – der Geisteshaltung – nicht zu Leibe rücken, bekommen sie ihr Wissensmanagement auch nicht in den Griff. Die fatalen Folgen belegt eine Umfrage des Bonner Marktforschungsunternehmens Europressedienst im Auftrag der IT-Dienstleister Comma Soft und des Beratungsunternehmens Management Engineers.

Die Antworten von 17 Dax-Unternehmen (darunter Daimler Chrysler, Siemens, Henkel und Allianz) sowie 250 weiteren Firmen (von Boehringer Ingelheim bis FAG Kugelfischer) bestätigen: 95 Prozent der Befragten wissen, dass ihr Know-how ein wichtiger Produktionsfaktor im Unternehmen ist – nur handeln sie nicht danach.

Die Unternehmen beschäftigen sich mit vermeintlich dringenderen Fragen und sind im übrigen „ohnehin überlastet“, wie es bei fast allen hieß. Der Studienverantwortliche Michael Forst von Europressedienst fürchtet: „Sie empfinden Wissensmanagement als Kür, dabei ist es in Wahrheit ihre Pflicht und es kann irgendwann zu spät sein.“

Nur 20 Prozent der Befragten glauben, dass sie ihr Wissen im Hause vernünftig aufbauen, pflegen und verwerten. 80 Prozent geben enorme Produktivitätsverluste zu. Das bedeutet, dass die Entscheider falsche Prioritäten setzen. Forst: „Wer sein Wissen gut organisiert, hat auch bessere Ergebnisse.“

Vor allem: Je größer das Unternehmen, umso mehr Doppelarbeiten nehmen ungebremst ihren Lauf – und kosten viel Geld. Schon bei den Dax-Unternehmen vermuten 83 Prozent der Befragten, dass es bei ihnen Doppelarbeiten gibt. Zwar sammeln 76 Prozent von ihnen ihr Know-how in Wissenspools. Die sind jedoch unstrukturiert und nicht gezielt abrufbar. Ganze Abteilungen arbeiten parallel an denselben Projekten statt gemeinsame Plattformen zu installieren. Die Folge: Wer viele Produkte für verschiedene Märkte herstellt, entscheidet wie beim Tiefflug im Nebel. Etliche Dax-Unternehmen konnten die Auswirkungen des 11. September auf ihre Firma erst ein Jahr später genau beurteilen, berichtet Forst.

Die Gretchenfrage ist: Wissen die Firmen überhaupt, wo in ihrem Hause welches Wissen vorhanden ist? Sei es in den Köpfen der Menschen, in IT-Programmen oder Aktenordnern. Bemerkenswert: 92 Prozent der Unternehmenslenker glauben, sie wüssten es. Eine Stufe darunter, bei den EDV-Leitern, meinen dies jedoch höchstens 75 Prozent. Der Grund: Je dichter jemand am Thema dran ist, umso bekannter sind ihm die Lücken. Viele Chefs der obersten Ebene glauben daher nur, sie hätten solide Entscheidungshilfen und wiegen sich in trügerischer Sicherheit.

Das ist typisch für’s Thema: Geht es ums Wissensmanagement, kursieren mehr Irrtümer als Wahrheiten: Etliche meinen, ein firmeneigenes Intranet sei schon die Lösung – und irren sich gewaltig. „Tatsächlich werden die Leute nur durch die Info-Flut vernebelt,“ urteilt Frank Ohle von Management Engineers. Die meisten Manager würden nicht einmal zwischen Informationen das sind(Projektunterlagen oder Fachliteratur) und Wissen das sind(den Erkenntnissen erfahrener Mitarbeiter) unterscheiden.

Gerade mal 30 Prozent der Unternehmen haben die Informationsbeschaffung systematisch organisiert – obwohl dies elementar ist für den Erhalt von Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Kaum ein Unternehmen sorgt dafür, dass seine Mitarbeiter nach einem Messebesuch ihre Erkenntnisse systematisch weitergeben. Oder: „Viele Unternehmen meeten bis zur Unproduktivität,“ kritisiert Stephan Huthmacher, Vorstand bei Comma Soft. Die Erkenntnisse daraus werden aber nur einem kleinen Kreis zur Verfügung gestellt – um Macht zu erhalten.

Kaum eine Firma – außer IT-Untrnehmen – bereitet sich auf Know-how-Verlust durch Abgänge von Mitarbeitern vor: Jeder darf alle seine Unterlagen mitnehmen. Wer ausscheidet, um aufs Altenteil zu gehen, kündigt oder versetzt wird, dem sollte unbedingt ein Abschlussprotokoll abverlangt werden.

Riesige Potenziale birgt noch das betriebliche Vorschlagswesen: Nur 20 Prozent der Befragten finden es sehr wichtig, 18 Prozent hingegen halten es für unwichtig. Sie verkennen, wie viel Geld damit zu sparen ist: So gab die Deutsche Post World Net an, im vergangenen Jahr 52 Millionen Euro durch Verbesserungsvorschläge ihrer Leute eingespart zu haben: Reparaturkosten konnten gesenkt, Betriebsmittel günstiger eingekauft undArbeitsprozesse effizienter gestaltet werden, berichtet Post-Personalvorstand Walter Scheuerle.

Klar ist aber eins: „Ohne Prämien läuft nichts“, urteilt Forst. 90 Prozent der Dax-Unternehmen haben dies erkannt und bieten den Mitarbeitern Geld oder Geschenke gegen gegen Verbesserungsvorschläge. Dass es ohne nicht geht, liegt klar auf der Hand.Der Anreiz ist nötig: Denn Zeit zum Nachdenken bleibt in der Hektik der Alltagsarbeit nicht mehr. Hinzukommt: Ist die Wahrnehmung geprägt ist durch Gehaltskürzungen, entlassene Kollegen als Warnung und immer mehr Aufgaben – ohne selbst die ersehnte Aufmerksamkeit zu erhalten, fällt die Betriebstreue immer schwerer. Kurz: „Die Mitarbeiter haben heute das nötige Vertrauen ins Unternehmen verloren,“ beobachtetauch Management-Guru Reinhard Sprenger. Keine gute Voraussetzung für Wissensmanagement.

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