Unternehmen im Ausland
Schluss mit dem Wanderzirkus

Viele Manager, suchen ihr Heil in Indien, China oder Osteuropa. Um Löhne zu sparen, verlagern sie ihr Geschäft ins Ausland. In wenigen Jahren werden sie jedoch das Nachsehen haben – denn die vermeintlichen Standortvorteile der Billignationen schwinden zusehends.

HYDERABAD. „Unternehmen, die über Offshoring nachdenken, sollten nicht nur die kurzfristigen Kosteneinsparungen sehen, sondern auf langfristige Verfügbarkeit qualifizierter Mitarbeiter und die operativen Gegebenheiten achten“, urteilt Paul Laudicina, Chef der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Hochlohn- und Niedriglohnstandorte nähern sich immer mehr an. Die Kosten für IT-Programmierungen oder Call-Center etwa sind in den meisten etablierten Wirtschaftsnationen im vergangenen Jahr bis zu zehn Prozent gestiegen. Die entsprechenden Löhne in China, Indien, den Philippinen und Teilen von Osteuropa kletterten gleich bis um 40 Prozent hoch.

Diese Entwicklungen zeigt der Global Services Location Index der Top-Managementberatung A.T. Kearney. Die Ergebnisse dieser Standortanalyse liegen dem Handelsblatt exklusiv vor. Das Fazit: Die Kostenvorteile der Verlagerungen ins Ausland relativieren sich. „Indische Ingenieure sind so gut wie ihre Kollegen in Europa oder Nordamerika, werden aber auch inzwischen fast so gut wie sie bezahlt“, berichtet Hari T., Personalchef des indischen IT- und Beratungsunternehmens Satyam in Hyderabad. Günstig sind nur diejenigen von weniger renommierten Hochschulen und diejenigen ohne Berufserfahrung. Sie starten mit 6 000 Dollar Jahresgehalt ins Berufsleben, brauchen aber oft Nachschulungen. Absolventen der guten Business Schools fordern dagegen Einstiegsgehälter bis zu 40 000 Dollar, den besten Absolventen zahlen Firmen wie Satyam 100 000 Dollar.

Ähnlich verläuft die Entwicklung in China, der Tschechischen Republik oder Ungarn – nur langsamer. Auch da sind Hochqualifizierte immer selbstbewusster, und die starke Inflation in einigen Boomländern treibt Preise wie Löhne in die Höhe. Die Analyse zeigt aber vor allem, dass bei der Standortsuche außer Lohnkosten die Rahmenbedingungen und die Infrastruktur enorm wichtig sind. Denn auch wenn Indiens Ingenieure oder chinesische Textilexperten heute gut verdienen, führen Indien und China den Index weiter mit großem Vorsprung an. Beide Standorte können die steigenden Löhne ausgleichen mit immer mehr qualifizierten Arbeitskräften und besseren Rahmenbedingungen. Weil sie in Bildung und Infrastruktur investieren, behalten sie im globalen Vergleich die Nase vorn – selbst wenn Orte wie Malaysia mit noch billigeren High-Tech-Arbeitern um Aufträge buhlen.

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Die indischen wie die chinesischen Unis werden ausgebaut, die indischen Städte Hyderabad und Bangalore erneuern gerade ihre maroden Flughäfen. Die IT-Zentren in den indischen Großstädten sind inzwischen über Satellit an die weltweiten Datennetze angebunden. Eine eigene Stromversorgung haben sie ohnehin,weil das öffentliche Netz überlastet ist und dauernd ausfällt.

Genug qualifizierte Leute und ein Umfeld, in dem Menschen tatsächlich arbeiten können – und sich nicht dauernd mit den Folgen von Stromausfällen, am Boden gebliebenen Flugzeugen, gestohlenem Frachtgut oder korrupten Beamten herumschlagen müssen –, werden noch wichtiger. Für Länder wie Russland oder Pakistan ist das eine schlechte Nachricht. Ob sie beim weltweiten Auslagerungskarussell noch zum Zuge kommen, nur weil sie preisgünstiger sind als Indien, China, die Tschechische Republik oder Ungarn? „Viele denken, es geht nur um billige Arbeitskräfte“, erzählt Peter Schuhmacher, Chef des Beratungsunternehmens Value Leadership Group in Frankfurt. „Dabei entsteht derzeit ein neues, globales Wirtschaftssystem, das den Dienstleistungssektor völlig neu strukturiert.“

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