Unternehmensberatung
Peter Mockler - Der Dranbleiber

Peter Mockler rettet das Europageschäft der internationalen Unternehmensberatung Bearing Point vor der Zerschlagung. Nun muss er das Unternehmen durch schwierige Zeiten führen.

DÜSSELDORF. Der Mann im dezenten dunklen Anzug gerät ins Schwärmen. „Wir schweben auf Wolke sieben“, tönt Peter Mockler. Dabei spricht der Europa-Chef der Unternehmensberatung Bearing Point über eine eigentlich schmerzliche Angelegenheit: Er hat sich von der Muttergesellschaft in den USA getrennt.

Monatelang ließ sich Mockler gegenüber der Presse verleugnen. Jetzt packt der groß gewachsene 48-Jährige erstmals aus. Ganz Berater, hat er am Tisch in der Lobby des Düsseldorfer Hotels Interconti flugs aus Zuckerstäbchen, Kerze und Vasen das Organigramm von Bearing Point nachgebaut. Die erloschene rote Kerze muss als US-Mutter herhalten. „Passt irgendwie“, witzelt er mit Heilbronner Zungenschlag. „Der Zucker, das sind wir in Europa.“

Befreit sprudelt es aus dem sonst nüchternen Analytiker mit der eckigen, randlosen Brille heraus. Denn seit kurzem bestimmen er und seine Kollegen in europäischer Partnerschaft über ihr Haus – und nicht mehr die börsennotierte Bearing Point USA. Sie musste im Februar Insolvenz anmelden. Die Filetstücke sicherten sich die Konkurrenten Deloitte und Pricewaterhouse Coopers. Die Manager in Europa und in Lateinamerika kauften sich als Partner ein – und damit frei.

Nun kann Mockler in Europa mit den Partnern selbst den Kurs bestimmen. Er startet in die neue Freiheit zwar in schwierigen Zeiten, weil die Unternehmen in der Wirtschaftskrise weniger Aufträge vergeben. Doch er gibt sich optimistisch: „Wir sind viel beweglicher ohne Börsenregularien. Wer als Partner involviert ist, agiert viel unternehmerischer.“

Bis zur Abspaltung von der Muttergesellschaft brauchte Mockler gute Nerven. Jetzt macht er seinem Ärger Luft: „Wir Europäer hatten vom Mutterhaus die Nase voll – schließlich haben wir hier immer gute Geschäfte gemacht. 2008 war unser bestes Jahr.“ Da erreichte Mockler mit Bearing Point Europa und rund 3 250 Mitarbeitern in 14 Ländern einen Umsatz von 567 Millionen Euro. Er schaffte es, das Unternehmen im Ranking der deutschen Managementberatungen des Marktforschers Lünendonk von Platz acht auf Platz sechs zu hieven.

Doch was nutzen Erfolge in Europa, wenn sich die Mutter in Amerika zugrunde richtet? Mit dem Börsengang der Vorläuferin KPMG Consulting zur Jahrtausendwende fangen die Probleme an. Das Beratungshaus lädt sich mit rund 30 Zukäufen einen Berg von Schulden auf. Im Jahr 2002 fusionieren Teile von KPMG Consulting, Andersen Business Consulting und anderen zu Bearing Point (deutsch: „Peilpunkt“). Doch die Probleme bleiben. Das ausgelagerte EDV-System versagt, die Bilanzen kommen verspätet zur US-Börsenaufsicht SEC. Eine der größten Management- und Technologieberatungen macht sich zum Gespött.

Seit 2006 versucht Bearing Point, mit Investoren das Börsenabenteuer zu beenden. Doch keiner will das angeschlagene Haus haben. Vor zwei Jahren gibt Welt-Chef Harry You die Parole aus: Wir verkaufen uns an uns selbst und fangen mit Europa an! Doch im November 2007 muss You gehen. Sonntags ruft Nachfolger Ed Harbach seinen Europa-Chef an: Das „Projekt Navigation“, also der Verkauf ans eigene Management, ist tot. „Für uns eine Riesenenttäuschung. Zugleich machten wir uns natürlich Sorgen, dass Kunden und gute Mitarbeiter abspringen.“ Zu Recht. In den USA mussten Bleibeprämien gezahlt werden.

Für Mockler wäre es ein Leichtes gewesen, woanders lukrativ unterzukommen, betont Volker Hauff, langjähriger Wegbegleiter bei Bearing Point. Der Bundesminister a. D. saß dort zuletzt im Aufsichtsrat. Den verließ Hauff aus Verärgerung über das US-Haus. Mockler aber blieb. „Er arbeitet Probleme mit großer Konsequenz ab – notfalls auch mit Härte, aber ohne Machtgehabe“, sagt Hauff.

Mockler bestätigt mit schwäbischem Charme: „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ordne ich alles andere unter.“ Den Segelurlaub mit seiner Frau, die er übrigens in der Firma kennenlernte, und seinem Sohn lässt der Wahlberliner dann eben ausfallen. Seit 20 Jahren hält Mockler der Beratung die Treue.

Klar, er arbeitet auch einmal in Südafrika. Doch selbst wenn sich die Firmennamen änderten, wechselt er nie das Unternehmen, in dem er nach dem Wirtschaftsingenieurstudium startet. Und nun rettet er das Europageschäft vor der Zerschlagung.

Im Februar dieses Jahres musste Bearing Point USA unter Chapter 11 der Insolvenzordnung flüchten. Mockler nutzt die Chance und kauft sich im August mit Partnern ein. Sie zahlen 69 Millionen Dollar für das Europageschäft mit 3 250 Mitarbeitern. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 hatte Capgemini für Ernst & Young Consulting mit 18 000 Mitarbeitern in wirtschaftlich besseren Zeiten stattliche 11,1 Milliarden Dollar gezahlt.

Von 123 europäischen Managern, die sich als Partner an Bearing Point Europa beteiligen durften, spielte nur einer nicht mit. „Das sagt alles über seine Integrationskraft“, merkt Hauff an. Enge Mitarbeiter beschreiben Mockler als glasklaren Strategen, der Dinge beharrlich umsetzt. Anders als viele Berater habe er die Bodenhaftung nicht verloren.

Aber er muss jetzt wie die gesamte Branche die Wirtschaftskrise meistern. In Deutschland stellt er derzeit nur wenige neue Mitarbeiter ein, im Vorjahr waren es noch 400. Aber „den großen Fehler der letzten Krise im Beratungsmarkt – über Massenentlassungen Kosten zu senken – machen wir kein zweites Mal“, verspricht er.

Peter Mockler

1961 Er wird am 20. Mai geboren und wächst in Heilbronn auf.

1989 Nach Bundeswehr und Wirtschaftsingenieurstudium in Karlsruhe steigt Mockler bei Peat Marwick ein. Die Beratung geht später in KPMG Consulting auf. Sie notiert seit 2001 an der New Yorker Börse.

2002 Das Beratungshaus wird in Bearing Point umbenannt.

2006 Mockler wird Deutschland- und Europa-Chef von Bearing Point.

2009 Im Februar ist Bearing Point USA insolvent. Unter Mocklers Federführung kaufen 123 Manager im August das Europageschäft. Mockler bleibt Deutschland- und Europa-Chef in der neuen Partnerschaft.

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