Unternehmenshistorie
Die talentierte Witwe Clicquot

Der erste Eindruck trügt. Das Buch „Veuve Clicquot“ von Tilar Mazzeo wirkt in seinem eigelben Einband mit einer bauchigen Champagner-Flasche samt übergewichtiger Dame wie eine Eigenwerbung aus der PR-Abteilung. Doch es handelt sich um die minuziöse, intelligent erzählte Geschichte eines der berühmtesten Champagnerhäuser der Welt – Veuve Clicquots.
  • 0

DÜSSELDORF. Die Autorin hat es nicht leicht gehabt. Denn die Quellenlage für die Geschichte des Schaumweins aus Reims ist dünn. Um die Geschichte von Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin zu erzählen, hätte es umfangreicher schriftlicher Dokumente bedurft. Doch genau daran herrschte großer Mangel. In der Zeit, in der es lediglich Königinnen oder Mätressen zu einer gewissen Berühmtheit im damaligen Frankreich bringen konnten, gab es nur wenig über andere Frauen.

Doch die schlechte Quellenlage war zugleich Ansporn. Die Kulturhistorikerin Mazzeo hatte es auf fantastische Weise – im wahrsten Sinn des Wortes – geschafft, dennoch den Aufstieg der Witwe Clicquot zu illustrieren. Mit Ideenreichtum lässt sie die Vita einer außergewöhnlichen Unternehmerin im 19. Jahrhundert Revue passieren.

In schönen Bildern und unter Einbeziehung der historischen Zeitumstände erzählt Mazzeo, selbst leidenschaftliche Freundin des Schaumweins, eine für ihre Zeit einzigartige Biografie. Denn die hartnäckige Witwe aus Reims, deren Ehemann bereits früh an Typhus starb, schaffte es mit Wagemut und Ausdauer im napoleonischen Frankreich, aus einer Weinhandlung ein europäisches Champagnerhaus aufzubauen. Die Liebe zum Terroir und zur Weintechnik, die Gerissenheit im Umgang mit Handelsbeschränkungen und die Neugierde auf neue Absatzmärkte machten Clicquot bis heute unsterblich.

Im Grunde genommen ist der Champagner ein einziger Marketingtrick. Denn exzellenter Schaumwein wird auch in anderen Ländern produziert. Doch niemand schaffte es, so geschickt die eigene Region, das eigene Produkt mit Luxus zu verbinden wie die Champagne. Bereits 1814 ließ Witwe Clicquot ihre Flaschen mit Etiketten versehen als Beweis für Qualität und Herkunft. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Buch ist vor diesem Hintergrund mehr als eine Biografie, es ist auch eine Analyse des Unternehmertums.

Nur schade, dass die Übersetzung aus dem Amerikanischen manchmal den Lesegenuss arg schmälert. Immer wieder stolpert man über seltsame Satzkonstruktionen wie: „Die breiten Avenuen von Reims waren die Brutstätte politischer Aktivität, die zu einem großen Teil aus erbitterten Vergeltungsaktionen bestand.“ So viel zur Revolution in der französischen Provinz!

Tilar J. Mazzeo: Veuve Clicquot. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 320 Seiten, 19,99 Euro.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

Kommentare zu " Unternehmenshistorie: Die talentierte Witwe Clicquot"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%