Unternehmenskultur à la Gore
Flexibel wie die Amöbe

Der US-Familienkonzern Gore überrascht mit einer ungewöhnlichen Unternehmenskultur. Die Überzeugung: Mitarbeiter sind dann am besten, wenn ihnen die Aufgaben nicht exakt vorgeschrieben werden.

DÜSSELDORF. Die Amöbe ist ein ungewöhnliches Lebewesen. Nach innen ist der Einzeller stabil gebaut, nach außen extrem anpassungsfähig. Ständig kann er seine Form wechseln. Mit Scheinfüßchen untersuchen Amöben mögliche Nahrungsteilchen; die genießbaren nehmen sie auf, und wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben, dann teilen sie sich einfach in zwei neue Zellen.

Seltsam ist die Amöbe. Noch ungewöhnlicher aber ist es, wenn ein Unternehmen seine Organisation und sein Selbstverständnis mit dem Lebensprinzip einer Amöbe beschreibt. Die amerikanische W. L. Gore & Associates tut dies - das Unternehmen, das in aller Welt durch die Kunstoffmembran "Gore-Tex" bekannt geworden ist, mit der Textilien wasserdicht, aber dennoch atmungsaktiv gemacht werden.

Weniger bekannt ist Gore für seine komplett andersartige Unternehmenskultur, wie sie wohl nur bei einem Familienunternehmen zu finden ist, das abseits jeden Börsen- und Investorenstresses arbeiten kann. Im Zentrum der Strategie steht bei Gore der Mitarbeiter: Er soll größtmögliche Freiheit haben, um selbst entscheiden zu können und kreativ zu sein. "Wir leben von innovativen Produkten", sagt Eduard Klein, einer der drei Geschäftsführer von Gore in Deutschland. "Für hohe Innovationsfähigkeit ist die Unternehmenskultur entscheidend."

Geschäftsführer - diese Funktion hat Klein auch, weil jede GmbH einen solchen allein aus rechtlichen Gründen braucht. Im Unternehmen selbst aber spielen Titel und formale Positionen keine nennenswerte Rolle. Associates, so nennen sich alle Gore-Mitarbeiter, der Begriff taucht sogar im Firmennamen auf. Führungsverantwortliche sollen nicht durch Titel Eindruck schinden, sondern sich durch Kompetenz und Leistung Anerkennung bei Kollegen erarbeiten.

Geprägt haben das Selbstverständnis des Unternehmens dessen Gründer, das Ehepaar Bill und Vieve Gore. Ihre Überzeugung: Mitarbeiter sind dann am besten, wenn ihnen die Aufgaben nicht exakt vorgeschrieben werden. Sondern wenn ein Unternehmen ihnen viel Freiraum und Eigenverantwortung gibt und sie so motiviert. "Wir glauben an die Fähigkeit jedes Einzelnen und wollen, das sich bei uns jeder entsprechend entfalten kann", sagt Klein.

Gore verzichtet auf die in Firmen übliche strenge Hierarchie und auf alles, was viel Bürokratie mit sich bringt. Es gibt keine formale Ordnung von Gruppen-, Abteilungs- und Hauptabteilungleitern und keine festgelegten Stellenbeschreibungen. Typisch für Gores Organisation sind kleine Teams, die sich selbst organisieren, ihre Aufgaben und Jobs selbst erarbeiten und verteilen.

Frank Fuhrhop ist Associate in einem dieser Teams am Standort Pleinfeld nahe Nürnberg. Dort produziert Gore Spezialleitungen für Elektronik, die extreme Bedingungen aushalten müssen. Der 45-Jährige ist zuständig für eine Produktlinie - ein Job, für den in anderen Firmen typischerweise Ingenieure eingesetzt werden. Fuhrhop aber kommt aus einer ganz anderen Ecke: Er begann vor 18 Jahren im Verkaufsinnendienst von Gore. Zum heutigen Job als Produktmanager kam er, weil er viel Projekt- und Teamerfahrung im Unternehmen gesammelt hat. "Bei Gore wird kein Mitarbeiter in eine bestimmte Box gepresst", sagt er.

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