Urteil soll am 19. Juni verkündet werden
Ankläger fordern zwei Jahre Haft auf Bewährung für Sengera

Der ehemalige WestLB-Chef Jürgen Sengera soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wegen schwerer Untreue zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt werden. Zudem beantragten die Ankläger am Donnerstag eine "empfindliche" Geldauflage gegen den Angeklagten.

HB DÜSSELDORF. Die Beweisaufnahme in dem Prozess am Düsseldorfer Landgericht habe eine "Vielzahl gravierender Pflichtverstöße" ergeben. Sengera hatte sich für Kredite in Höhe von 1,35 Milliarden Euro an den britischen TV-Geräteverleiher Boxclever stark gemacht. Durch die Insolvenz Boxclevers war der WestLB später ein Schaden von fast 500 Millionen Euro entstanden.

Das Gericht hatte in einer vorläufigen Bilanz erklärt, dass Sengera mit einem Freispruch rechnen könne, weil er zwar fahrlässig und pflichtwidrig, aber nicht vorsätzlich gehandelt habe. Die Ankläger sehen dagegen "eine Liste eklatanter Versäumnisse" im Kreditprüfungsprozess, die Sengera bewusst und damit vorsätzlich hingenommen habe. "Er ging unvertretbare Risiken ein, um seine beruflichen Aussichten zu verbessern."

So habe es keine unabhängige Prüfung der Bücher gegeben, bevor die Kreditzusage erfolgte. Die Annahme, dass der jahrelang schrumpfende Markt des Verleihgeschäfts sich stabilisiert habe, sei ungeprüft vom Alteigentümer übernommen worden. Obwohl die Kreditprüfer der WestLB und externe Wirtschaftsprüfer auf die unzureichende Informationsbasis hingewiesen hätten, habe Sengera es unterlassen, diese Informationen einzuholen und sich über die Bedenken hinweggesetzt.

Stattdessen seien zwei oberflächliche Gutachten als Prüfung der Bücher etikettiert worden, von denen eins im Auftrag der profitierenden Alteigentümer entstanden war. Seinen Vorstandskollegen habe Sengera weisgemacht, die eingehende Prüfung werde noch vor einer verbindlichen Kreditvergabe nachgeholt. Dabei habe er gewusst, dass dies falsch gewesen sei. Sengera habe den Vorstand zudem mit einer Tischvorlage überrumpelt, die dieser nicht mehr ausreichend habe prüfen können.

Obwohl sich die Datenbasis im Vergabeprozess in entscheidenden Parametern änderte, habe Sengera es unterlassen, den Kredit neu prüfen zu lassen. So sei nachträglich aufgefallen, dass 43 Millionen britische Pfund als Altschulden "vergessen" worden waren. Nicht nur den Vorstand, auch den Aufsichtsrat, der damals noch Verwaltungsrat hieß, habe Sengera falsch unterrichtet. So habe er in dem Kontrollgremium behauptet, den Bedenken der Kreditprüfer sei Rechnung getragen worden, man halte 200 Millionen Pfund zurück. Dies sei falsch gewesen. Die Behauptung, er sei einer falschen Vorlage seiner Mitarbeiter aufgesessen, sei "nicht nachvollziehbar".

"Sengera hatte keinerlei Klarheit über die wirtschaftliche Situation und die Kreditwürdigkeit von Boxclever", kritisierten die Staatsanwälte. Dennoch habe die WestLB das volle unternehmerische Risiko übernommen, ohne sich Einfluss auf die Geschäftspolitik zu sichern. Trotz des desaströsen Kreditgeschäfts sei Sengera bis heute kein Schaden entstanden. So habe er sein Jahresgehalt von mehr als 900 000 Euro drei Jahre lang ohne Arbeitsleistung weitergezahlt bekommen - bis August 2006. Der Schlussvortag der Verteidiger ist für den 11. Juni vorgesehen. Das Urteil soll am 19. Juni verkündet werden.

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