US-Arbeitsmarkt
Deutsche Berufsausbildung als Exportschlager

Weil es auf dem US-Markt zu wenig Fachkräfte gibt, bilden deutsche Firmen dort nach dem dualen System selbst aus. Das System kommt gut an in Wirtschaft und Politik. Auch deutsche Produkte sollen sich so besser verkaufen.
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Virginia BeachWenn Andrew Bates seinen Arbeitgeber in Virginia Beach ansteuert, führt sein Weg am Bundesadler vorbei. „Honorarkonsulat Bundesrepublik Deutschland“ steht auf dem Schild, das gut sichtbar am Sicherheitshäuschen angebracht ist. Zwar hat sein Job in der Küstenstadt des US-Bundesstaates Virginia nichts mit dem Konsulat zu tun, das hier ebenfalls seinen Sitz hat. Aber das Symbol der Bundesrepublik ist eine Einstimmung auf das, was den Amerikaner hinter der Schranke erwartet: Werksunterricht nach deutschem Vorbild.

Bates ist Auszubildender in der US-Zentrale des schwäbischen Kettensägenherstellers Stihl. Hat er die Schranke passiert, taucht er ein in eine strikt durchgeplante Ausbildungswelt, die ihm bis vor kurzem völlig fremd war. Um die weltweit führenden Kettensägen, Heckenscheren, Trimmer und Sägen herzustellen, braucht Stihl technisch hochversierte Mechatroniker, Werkzeugmacher und CNC-Maschinisten. Spezialisten eben, wie man sie aus Deutschland kennt. Doch die gibt es in den USA nicht. Also hat sich Stihl entschlossen, nicht nur die Produktion in die USA zu bringen, sondern die Ausbildung gleich mit – nach dem bewährten dualen Prinzip mit Theorieunterricht und Praxis im Betrieb.

Stihl ist nur einer von vielen deutschen Herstellern. Volkswagen, Siemens und Bosch haben ähnliche Modelle – und die sorgen in den USA derzeit für Aufsehen. Trotz Rekord-Arbeitslosigkeit gibt es in Amerika kaum gut ausgebildete Facharbeiter. Ein institutionalisiertes Ausbildungssystem kennen die Amerikaner nicht. Noch nicht. Denn die deutschen Unternehmen bringen es ihnen jetzt näher.

Sie investieren Millionen, um gegen den Fachkräftemangel in der weltgrößten Volkswirtschaft anzukämpfen. Damit helfen sie in erster Linie sich selbst. Doch die duale Ausbildung funktioniert in den USA so gut, dass längst andere darauf aufmerksam geworden sind. Die Weltraumbehörde Nasa und Industrieexperten aus dem Weißen Haus haben schon bei Stihl angefragt. Bosch hilft Unternehmen, die solch ein Modell auf die Beine stellen wollen. Und VW hat gerade beschlossen, einen weiteren Ausbildungsgang einzuführen.

Präsident Barack Obama hat das Engagement der deutschen Unternehmen schon mehrfach gelobt. In seiner Rede zur Lage der Nation im Januar hob er gleich zweimal den Siemens-Konzern hervor. Denn Siemens und andere haben mit ihrer dualen Ausbildung begonnen, das marode amerikanische Bildungssystem umzukrempeln. Es könnte eine Lösung sein für Obamas zähen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Obwohl in der größten Volkswirtschaft der Welt Millionen von Menschen ohne Job sind, können Firmen rund 600.000 Stellen nicht besetzen, weil die Fachkräfte fehlen.

Kommentare zu " US-Arbeitsmarkt: Deutsche Berufsausbildung als Exportschlager"

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  • das kann man nicht direkt mit Real/Hauptschule vergleichen, weil es Kurssysteme sind. Ein Haupt- oder Realschüler der dort einen Highschoolabschluss macht, hat für sich ganz persönlich individuell betrachtet - ein höheres Bildungsniveau. Er ist länger zur Schule gegangen, hat sich allgemeinbildende Fächer je nach Talent in den entsprechenden Kursen frei ausgesucht und mitbelegt etc.

    das kommt immer auf die Perspektive drauf an. Wenn jemand mit DownSyndrom dort 12 Jahre zur Schule geht und Highschool macht, ist das für diese eine Person eine Bildungsexpansion bzw. eine Erhöhung des persönlichen Bildungsniveaus.

    nach der Gaußschen Normalverteilung befinden sich maximal so 16% - 20% der Bevölkerung oberhalb eines IQs der 115, ab dem man eigentlich Studierfähigkeit annahm.

    Dies ist in den Gymnasien hier schon längst überschritten. a sitzen doch schon lauter Personen mit bei, die eigentlich nicht eine außergewöhnliche Begabung haben. Umgekehrt gab es in den anderen Schulen Schüler, die besser abschnitten bei Pisa als die schlechtesten Gymnasiasten.

    wo will man da die Grenze ziehen? Dann hätte man nur diese ca. 16% bis 20% in den höheren Schulen ausbilden sollen. Trotzdem ist die Anzahl der erfolgreichen Studienabsolventen angestiegen. Bei Inländern sind es jetzt um die 36%.

  • die anderen Länder - auch viele die bei Pisa gut abschneiden wie Kanada und Japan - haben Gesamtschulen. Das sagt erstmal nichts über das Niveau aus, sonder es sagt etwas darüber aus, ob die Schüler lange oder kurz ausgebildet werden - bildet man sie bis zum Erwachsenenalter aus oder schmeißt man sie mit 15,16 aus den Schulen raus in den Arbeitsmarkt.

    ist der Arbeitsmarkt für Jüngere unter 18 denn aufnahmefähig? In DE nicht, denn nur noch 28% sind unter 18. Eintrittsdurchschnittsalter duale Ausbildung liegt bei 19,8 Jahren mittlerweile in DE.

    nur in Österreich und Schweiz sind die Azubis noch um die 16 bei Ausbilungsbeginn.

    meine Verwandtschaft hat in den USA trotzdem studiert - auch mit Gesamtschule geht das. Das Schulsystem hat denen nicht geschadet.

    Das Bildungsniveau für die meisten steigt, es sinkt nicht - das ist immer eine Frage der Perspektive.

    manche Gesamtschulsysteme gehen nur bis Klasse 9 oder 10 und andere eben bis Klasse 12 oder 13. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile.
    in vielen Ländern ist die obere Sekundarstufe geteilt in eine allemeinbildende und eine beruflich-allgemeinbildende - andere bieten ein Vollprogramm bis Klasse 12 oder 13 --- hat den Vorteil, dass wirklich jeder Schüler lange frei wählen kann, was ihn interessiert.

    in den meisten Ländern gilt immernoch längere Schulbildung als besser ausgebildet als kürzere Schulbildung. Andere haben Abiturquoten von 80-90% mittlerweile. Das ist Allgemeinbildung/Bildung bis zum Erwachsenenalter.

    man beklagt sich doch hier über die "Reife" oder nicht. Die Berufe verändern sich und wurden oft anspruchsvoller und technischer -- ich bezweifel manchmal, dass das noch angemessen ist 16jährige da reinzuquetschen. Das verändert sich doch alles.

  • in den USA wird der vielleicht auf Händen getragen -- in DE hält man überhaupt nichts von den. Das Arbeiterkind soll hier nur arbeiten, weitere Bildung soll der möglichst nicht erhalten und irgendwann studieren auch nicht. Im Gegenteil macht man hier kleine Kinder mit Absicht bildungsferner! Von Freiheit der Berufswahl hat man in DE wohl auch noch nichts gehört! Hier wird ja obrigkeitsstaatlich von oben diktiert, wer nur welche Bildung in welchem Umfang erhält und was der beruflich werden soll!

    http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nuernberg-region/schuler-sammeln-erfahrungen-aus-erster-hand-1.1356965

    die anderen Länder halten die wenigstens nicht mit Absicht bildungsferner, was in DE mit Absicht derart praktiziert wird.

    in vielen Ländern der Welt gilt die Hochschulbildung als Volksbildung, so auch in Schweden, Frankreich und den USA. Das ist ein genuin demokratischer Ansatz.

    Die Bildung für den Bürger, nicht nur für eine Elite. Das ist Volksbildung.

    http://www.bbc.co.uk/news/education-11438140

    und auch in liberalen Bildungssystemen ist es jedermanns eigene Sache, was derjenige nachher studieren/beruflich werden will. Das hat den Staat nicht zu interessieren. Deshalb gibt es Schulbildung bis Klasse 12 und im Erwachsenenalter sind die dann alt und reif genug und können selbst entscheiden.
    In der BRD wird die Berufedressur immer früher und immer extremistischer. Und alles nach unten an die Hauptschule anzupassen, kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Wir reden von 9 Jahren Schulbildung.









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