Uvex: Ein Unfall mit Folgen

Uvex
Ein Unfall mit Folgen

Ein Schlaganfall reißt Familienunternehmer Rainer Winter 1992 aus dem Arbeitsleben bei Uvex. Sohn Michael übernimmt schnell die Geschäftsführung, doch ist da schon eine bis heute folgenschwere Entscheidung getroffen.

DüsseldorfAls Michael Winter zurück in sein Hotelzimmer in Albuquerque kommt, blinkt das rote Licht am Festnetz-Telefon auf dem Nachttisch. Es ist der Sommer 1992, lange vor dem Zeitalter von Handy und Smartphones. Das Lämpchen zeigt, dass eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen worden ist.

Den Tag über war Winter als Assistent des US-Geschäftsführers des Helmproduzenten- und Arbeitsschutz-Spezialisten Uvex im Atomkraftwerk der Stadt gewesen. Er bot dort die Sicherheitsbrillen der Firma an, die sein Großvater Philipp Jahrzehnte zuvor in Fürth gegründet hatte. Winter, damals Mitte 20, sollte zwei Jahre in den USA berufliche Erfahrungen sammeln, um danach in der Firmenzentrale einen kleineren Geschäftsbereich zu übernehmen.

Er hört die Nachricht ab. „Ein Geschäftsführer aus Deutschland war dran, mein Vater habe sich die Schulter gebrochen, ich solle sofort in die Heimat kommen“, erinnert sich Winter. Dabei wundert er sich: Warum ruft Vater Rainer nicht selber an? Weshalb die Dringlichkeit? Es waren doch erst 15 Monate seiner Station in den Staaten vorbei.

Das Rätsel löst sich nach seiner Rückkehr. Der Vater liegt in der Uniklinik in Erlangen, wahrscheinlich wegen eines Schlaganfalls war er eine Treppe herunter gestürzt. Es sah nicht gut aus. „Niemand wusste, dass er sich wieder ganz gut erholen würde“, sagt Winter. Sechs Monate ist Rainer Winter komplett außer Gefecht, die Firma nur mäßig auf einen solchen Schock vorbereitet.

Sein Sohn Michael kehrt zwar zurück und übernimmt mehr Verantwortung, recht bald schon als Geschäftsführer. Doch ein Beirat und die externen Geschäftsführer haben den Betrieb zwischendurch am Laufen gehalten und dabei auch eine folgenschwere Entscheidung getroffen. „Darunter leiden wir noch heute“, sagt Michael Winter, inzwischen 50 Jahre alt. Denn die Gremien verkauften damals die Uvex-Markenrechte für die USA „an meiner Schwester und mir vorbei“ in die USA. Und zwar unbefristet. Wer heute Uvex-Brillen für ein Atomkraftwerk in Albuquerque kauft, bekommt diese vom Industriekonzern Honeywell. Für Uvex in Deutschland erschwert das, internationale Großaufträge im Arbeitsschutz zu erhalten. Für dieses Problem ist noch immer keine wirkliche Lösung gefunden.

Die Familie zieht damals eine Lehre. Uvex will nicht nur Arbeitsschutzartikel und Helme liefern, sondern auch sich selbst geschützt wissen. „Jeder muss ersetzbar sein, auch der Gesellschafter“, sagt Winter. Nach monatelanger interner Diskussion und mit Hilfe von Beratern wird eine „Family Governance“ beschlossen, mit der für diverse Notfälle vorgesorgt ist: Ein Streit unter den heutigen sieben Familiengesellschaftern der zweiten bis vierten Generation? Der Beirat aus langjährigen Wegbegleitern und Beratern der Familie bekommt Schlichtungskompetenz. Ein Todesfall? Die externen Geschäftsführer sind nicht nur über das Tagesgeschäft informiert, sondern auch über strategische Perspektiven – so geht im Krisenfall nicht zu viel Wissen verloren.

Rainer Winter erholte sich Anfang der 90er-Jahre weitgehend von seinem Unfall. Er fungiert nach wie vor als Vorsitzender der Geschäftsführung der Uvex-Gruppe. Sein Sohn Michael ist ebenfalls Geschäftsführer, dessen Schwester Gabriele Grau, nicht operativ tätige Hauptgesellschafterin. Mit ihrer „Family Governance“ fühlen sie sich für die Zukunft gerüstet.

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
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