Verfahren gegen Conrad Black
Über Lug, Trug und Schwindel

Martialisch ist in kanadischen Zeitungen von „Schlacht“ und „Kampf“ die Rede, vom „Jahrhundert-Prozess“ im Wirtschaftsstrafrecht. Die Schlagzeilen verraten die Bedeutung des Verfahrens, auch wenn sich das Geschehen nicht in Kanada, sondern in einem Gerichtssaal in Chicago ereignen wird: Angeklagt ist Conrad Black.

OTTAWA. Einst beherrschte er wie kein anderer Kanadas Printmedien und baute ein weltweites Medienimperium auf. In den 80er- und 90er-Jahren kaufte er namhafte Zeitungen wie den „Daily Telegraph“ in London, die „Jerusalem Post“ und die „Sun Times“ in Chicago. Er maß sich mit Rupert Murdoch und saß als Lord Black of Crossharbour neben Margret Thatcher im britischen Oberhaus. Heute nun beginnt der Prozess, in dessen Verlauf eine Jury entscheiden wird, ob Black mit drei weiteren Angeklagten seinem Presseimperium 84 Millionen US-Dollar entzogen hat. Er soll sich des Betrugs, Schwindels und der Behinderung der Justiz schuldig gemacht haben.

Das Verfahren ist zunächst auf drei Monate angesetzt. Zwölf Geschworene werden darüber entscheiden, ob Black das Gericht als freier Mann verlässt oder für Jahre hinter Gittern muss. Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß: 300 Journalisten aus den USA, Kanada und Großbritannien haben sich zum Prozess akkreditiert.

Während der Name Black in den USA weniger bekannt ist, besitzt er in Kanada und Großbritannien „Promistatus“. Berühmt ist er für seinen mondänen Lebensstil, Reisen, Partys und Freundschaften mit Politikern. An seiner Seite genoss Ehefrau Barbara Amiel-Black das süße Leben, die als Journalistin ebenso wie ihr Mann gestochen scharf und konservativ Meinung produzierte.

Kein Wunder, dass der einstige Medienherrscher an diesem Leben festhalten will. So gibt er sich im Vorfeld des Prozesses nach außen hin völlig ruhig und verkündet demonstrativ, dass er am Ende obsiegen werde. Zwar sei er in den Medien als „gieriger, extravaganter Gauner“ beschrieben worden, der gewissenlos den „unstillbaren Materialismus“ seiner Frau befriedigt habe. Aber die Anschuldigungen seien falsch. Er vertraut darauf, in sein „normales Leben in London und in Kanada zurückzukehren“.

Aber was ist „normal“ im Leben des Conrad Black? Schritt für Schritt hatte sich der Sohn aus gut betuchtem Elternhaus – sein Vater gehörte der Führung eines Brauereiunternehmens an – sein Firmenimperium aufgebaut. Schon bald erwarb er sich den Ruf eines „shopaholic“, der pausenlos Unternehmen kaufte und verkaufte. Schon während seines Studiums der Geschichte, Politik- und Rechtswissenschaft hatte er mit seiner späteren „rechten Hand“, David Radler, den defizitären „Sherbrooke Record“ aufgekauft. Binnen kürzester Zeit wandelte er die Quebecer Zeitung in ein profitables Unternehmen um.

Seit Mitte der 80er-Jahre kaufte er in den USA nahezu 400 Zeitungstitel auf und stieß sie später wieder ab. Seine stärkste Basis bildete er in Kanada, wo er in den 90er-Jahren die Southam-Zeitungskette übernahm. Damit gehörten Black fast alle Zeitungen in den großen Städten Kanadas: die „Montreal Gazette“, der „Ottawa Citizen“, der „Calgary Herald“, das „Edmonton Journal“ und die beiden Tageszeitungen Vancouvers. Ende der 90er-Jahre war Conrad Black weltweit der drittgrößte Zeitungsverleger.

Einen Wendepunkt markiert der Jahrtausendwechsel: Überraschend verkauft Black seine kanadischen Zeitungen für 3,2 Milliarden Kanada-Dollar an CanWest, einen in Winnipeg ansässigen Medienkonzern. Ein Jahr später nimmt der kanadisch-britische Doppelstaatbürger im britischen House of Lords mit dem Titel „Lord Black of Crossharbour“ Platz. Doch gemütlich das Wirtschaftsleben hinter sich lassen sollte er nicht können. Fragwürdige Transaktionen zwischen den Hollinger-Firmen rückten in den Mittelpunkt des Interesses. So alarmierte die US-amerikanische Investmentfirma Tweedy Browne Co. die Börsenaufsicht und verlangte Auskunft über lukrative Zahlungen an die Hollinger-Führung. Staatsanwälte ermittelten gegen den ehemaligen Firmenchef. Im Herbst 2005 kommt es zur Anklage.

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