Vier Favoriten zeichnen sich ab
Die Suche nach der nächsten Legende

Der Sieger der US-Wahl steht vor einer schweren Personalentscheidung: Wer wird Nachfolger von Alan Greenspan? Rund zehn mögliche Kandidaten werden gehandelt.

NEW YORK. Egal, wer die US-Präsidentschaftswahlen am kommenden Dienstag gewinnt – er steht vor einer Entscheidung, um die ihn niemand beneidet: Er muss den Nachfolger für eine lebende Legende küren.

Denn auch wenn der Wahlausgang noch offen ist, eines scheint sicher: Alan Greenspan, Chef der US- Notenbank Federal Reserve (Fed), wird im Februar 2006 nach über 18 Jahren an der Spitze der wichtigsten Zentralbank der Welt und im Alter von fast 80 Jahren in den Ruhestand gehen. Offiziell hat er das noch nicht gesagt. Auf eine entsprechende Frage eines Kongressabgeordneten hat er nur still genickt – wohl wissend, dass seine Zeit als Fed-Gouverneur dann abgelaufen ist.

Der absehbare Wechsel an einer der wichtigsten Schaltstellen der US-Wirtschaft ist den Politikern nicht entgangen. Besitzt der Fed-Chef doch die Macht, das Wohlergehen der Wirtschaft und damit auch den Erfolg jedes Präsidenten zu beeinflussen. So beklagt sich Bush senior heute noch, dass Greenspans Zinspolitik ihn 1992 die Wiederwahl gekostet habe. Sein Sohn George W. sichtet schon seit zwei Jahren mögliche Nachfolger. Bushs Herausforderer Kerry soll dem Vernehmen nach ebenfalls über Kandidaten grüblen.

Einig sind sich die Lager nur über die Stellenanforderung: Der neue Fed-Chef muss ein hervorragender Ökonom und intimer Kenner der Finanzmärkte sein. Außerdem braucht er genügend Führungsstärke, um in Krisen die Märkte zu beruhigen. Und nicht zuletzt muss er ein Strippenzieher sein, der im Haifischbecken Washington mehr kann als nur mitschwimmen.

Rund zehn mögliche Kandidaten werden gehandelt, doch schälen sich immer mehr vier Favoriten heraus. Sollte Bush wiedergewählt werden, gehört der Harvard-Professor Martin Feldstein zur ersten Wahl. Der gebürtige New Yorker gilt als enger Vertrauter des jetzigen Präsidenten und hat dessen Steuersenkungen massiv beeinflusst. Insbesondere die Abschaffung der Doppelbesteuerung von Dividenden gilt als sein Werk. Der 65-Jährige hatte bereits 1973 die negativen Wirkungen einer Dividendensteuer auf das Investitionsverhalten angeklagt.

Feldsteins Ruf als Ökonom ist unbestritten. Hat er doch aus dem National Bureau of Economic Research das führende Konjunktur- Orakel in den USA gemacht. Skeptisch betrachten dagegen Beobachter sein politisches Geschick. Als Wirtschaftsberater von Ronald Reagan wurde er wegen seiner düsteren Prognosen auch „Dr. Gloom“ („Dr. Finsternis“) genannt. Und: „Ihm fehlt die Nähe zur Wall Street“, sagt David Wyss, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor’s.

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