Vincent Bolloré ist Zocker und Großindustrieller in einem
Das Enfant terrible in Frankreichs Kapitalismus

Es beginnt mit einem Telefonanruf: „Hallo, hier ist Vincent Bolloré.“ Im Plauderton klärt Frankreichs gefürchtetster Firmenraider seine Opfer darüber auf, dass er eine nennenswerte Beteiligung an ihrem Unternehmen erworben hat.

HB PARIS. Im Sommer 2004 klingelte bei Havas-Chef Alain de Pouzilhac das Telefon. Vincent Bolloré rief an, von seiner Yacht in Saint-Tropez. Er hatte fünf Prozent am sechstgrößten Werbekonzern der Welt erworben. Am Donnerstag ließ Bolloré gegen den Willen des Havas-Chefs sich selbst und drei Verbündete in den Havas-Verwaltungsrat wählen – der jüngste Coup des Enfant terrible im französischen Kapitalismus.

Für die Manager der betroffenen Unternehmen beginnen mit Bollorés Anruf oft schlaflose Nächte. Bei Bolloré, 53, wissen sie nie: Steigt er nach kurzer Zeit mit einem fetten Gewinn wieder aus wie bei Bouygues? Oder investiert er langfristig wie bei der Filmproduktionsfirma SFP? Er gilt als unberechenbar. „Es kann vorkommen, dass er mit einer bestimmten Idee im Kopf startet und schließlich mit einer ganz anderen ankommt“, sagt Maurice Lévy, Chef des Werbegiganten Publicis.

„Jedes börsennotierte Unternehmen ist übernahmefähig“, lautet Bollorés Mantra. Das hat der gebürtige Bretone mehrfach bewiesen. Sein spektakulärstes Opfer war 1997 der Mischkonzern Bouygues. Seinem alten Schulfreund Martin Bouygues teilte Bolloré per Telefon mit, dass er ein größeres Aktienpaket am damals weltgrößten Baukonzern, dem auch Frankreichs größter TV-Sender und der drittgrößte Mobilfunkerbetreiber gehören, gekauft hat.

Wie bei Havas lässt sich Bolloré in den Verwaltungsrat wählen. Öffentlich jedoch nährt er Gerüchte über eine Filetierung des Konzerns – der Aktienkurs steigt. Nach einigen Monaten steigt Bolloré wieder aus – um Hunderte Millionen Euro reicher. Beim Filmproduzenten Pathé und der Holding der Investmentbank Lazard geht er genauso vor. Zwischen 1998 und 2000 macht der Ex-Boxer Bolloré so 800 Millionen Euro Gewinn.

Bolloré will das Raider-Image aber nicht auf sich sitzen lassen: „Ich leite in der sechsten Generation ein Familienunternehmen, das 1822 gegründet wurdet.“ Tatsächlich ist Bolloré auch ein Großindustrieller. 33 000 Angestellte hat seine Bolloré-Gruppe. 2004 betrug ihr Umsatz 5,6 Milliarden Euro, der Gewinn 77 Millionen Euro. Der Konzern ist ein Sammelsurium: Schiffstransport zwischen Afrika, Asien und Europa, Bau von Fahrkarten-Automaten, Ölbaum-Anbau in Afrika.

Mit 29 Jahren übernimmt Bolloré mit seinem Bruder Michel-Yves die vom Vater heruntergewirtschaftete Gruppe, saniert sie und bringt sie 1985 mit Erfolg an die Börse. Bolloré muss auch Niederlagen einstecken. Anfang der 90er-Jahre schluckt er die Reederei Delmas-Vieljeux – und übernimmt sich. Die Banken zwingen ihn, zwischenzeitlich die Führung des eigenen Konzerns abzugeben. Seitdem investiert Bolloré nie mehr als zehn Prozent seiner Mittel in ein einziges Investment. Aber auch das genügt noch, um Frankreichs Vorstände per Telefon in helle Aufregung zu versetzen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%