Vittorio Mincato ist Chef des Mineralölkonzerns Eni: Der große Wagner-Fan

Vittorio Mincato ist Chef des Mineralölkonzerns Eni
Der große Wagner-Fan

Mit eher leisen Tönen hat er Eni im Konzert der großen Ölgiganten Respekt verschafft. Vittorio Mincato hat es bisher geschickt verhindert, dass sich der Staat als Aktionär zu sehr einmischt.

Dass es sich Vittorio Mincato im Leben niemals leicht macht, ist an seiner Liebe zu den Opern von Richard Wagner zu erkennen. Viele seiner Landsleute bevorzugen leichtere Kost von Verdi oder Puccini und gehen vor allem deshalb in die Mailänder Scala, um zu sehen und gesehen zu werden.

Anders Mincato: Der hagere 66-Jährige reist am liebsten nach Bayreuth und gibt sich nicht einfach dem Musikgenuss hin. Er verfolgt den Ring des Nibelungen oder den Parsifal mit einer Partitur in der Hand. Er ist eben ein Mann für Komplexes, Schwieriges, Schwerverdauliches. Kurz: genau der Richtige für einen Konzern wie die teilstaatliche Eni-Gruppe.

Heute ist diese Meinung in Italien weit verbreitet. Das war nicht immer so. Als die sozialdemokratische Regierung unter Massimo d’Alema Ende 1998 den Vater dreier mittlerweile erwachsener Kinder zum Chef des wertvollsten italienischen Unternehmens machte, war die Skepsis groß: In der schillernden Welt der Ölmultis wirkte Mincato wie ein grauer Buchhalter. Lebenslang ist er nicht nur mit seiner Frau Vilma, sondern auch mit dem ehemals reinen Staatskonzern verheiratet. Scherzhaft meint er: „Ich kenne die Firma besser als jeder andere, auch weil niemand so lange dabei ist wie ich.“

Auslandserfahrungen kann der so gar nicht italienisch wirkende Manager nicht vorweisen, der langsam und bedächtig redet. Der Unterschied zu seinem schillernden Vorgänger Franco Bernabé, der im Ausland arbeitete und vier Sprachen beherrscht, hätte nicht größer sein können.

Doch der harte Arbeiter aus dem Veneto, der seine Karriere gleich nach dem Abitur ohne Uni-Studium startete, beweist rasch, dass er zu Recht an einer der wichtigsten Schaltstellen in der italienischen Industrie sitzt. Dem damals grassierenden Fusionsfieber unter den Ölgiganten erliegt Mincato nicht, ebenso wenig der Versuchung, groß in die liberalisierten Bereiche der Wirtschaft – Strom und Telekommunikation – zu investieren. „Wir haben damals nicht auf die Schaffung eines Multiversorgers gesetzt, da wir genau wussten, was unsere Stärken und was unsere Schwächen sind“, sagt er heute.

Stattdessen konzentriert er sich darauf, der von Bernabé sanierten Firma neue Wachstumschancen im Mineralöl- und Gasgeschäft zu verschaffen. Mit Adleraugen sucht er sich mittelgroße Übernahmeziele aus, die nicht die Selbstständigkeit von Eni gefährden – wie die englischen Ölfirmen Lasmo und British Borneo. Eine Teilnahme an dem spektakulären Merger von Totalfina und Elf Aquitaine lehnt der Mann mit dem schmalen Gesicht und der spitzen Nase aber dankend ab. Die Regierung in Rom – Kontrollaktionär bei Eni – kritisiert seine Vorsicht.

Doch der im Unternehmen als Teamspieler auftretende Mincato lässt sich von außen nicht reinpfuschen – weder von der öffentlichen Meinung noch von den Interventionisten in Rom, die Eni bis Mitte der neunziger Jahre durch ihre so genannte „Industriepolitik“ an den Rand eines Kollapses brachten. „Die meisten Unternehmen haben selbst die Wahl getroffen, ein Konglomerat zu sein. Wir aber waren nicht aus eigenem Willen ein Konglomerat, sondern nur, weil uns in der Vergangenheit die öffentliche Hand viele Pleiten der Privatwirtschaft aufgebürdet hat.“ Einer, der so offen spricht – zumal im sonst eher zugeknöpften Italien –, ist ein Garant für die Unabhängigkeit eines immer noch teilstaatlichen Konzerns.

Seine Einstellung sorgt aber auch dafür, dass er trotz seiner erstklassigen Führung mit drei Rekordgewinnen in Folge und beachtlicher Vermehrung des Aktionärsvermögens in den römischen Polit-Palästen nicht viele Freunde hat. Dass die Regierung unter Silvio Berlusconi im vergangenen Sommer sein Mandat um weitere drei Jahre verlängerte, hat viel mit der Macht des Marktes zu tun. Institutionelle Investoren hatten ordentlich Druck gemacht: Wäre Mincato gestürzt worden, hätte der Staat vermutlich hohe Kursverluste bei seiner wertvollsten Beteiligung hinnehmen müssen.

„Soprane und Tenöre machen immer mächtigen Lärm. Es ist aber der Bariton, der die Dinge wirklich nach vorn bringt“, hat Mincato einmal im Interview gesagt. Mit seinen eher leisen Tönen hat das Mitglied des Verwaltungsrats der berühmten Mailänder Scala den Eni-Konzern in der von amerikanischen und britischen Giganten dominierten Branche etabliert.

Für Aufsehen in der internationalen Fachwelt sorgte er erstmals vor zwei Jahren in Kasachstan. Ihm gelang es, alle Großen der Branche auszubooten und so die Projektführung für das wichtigste Bohrprojekt seit der Entdeckung des Nordseeöls zu sichern. Das war bislang Vittorio Mincatos größtes Meisterstück – Fortsetzung könnte folgen.

VITA

Vittorio Mincato wird 1936 in Torrebelvicino in der Nähe der Stadt Vicenza in Norditalien geboren. Er wächst in einfachen Verhältnissen auf und beginnt direkt nach seiner Schulausbildung 1957 beim Textilhersteller Lanerossi, der damals zur Eni-Gruppe gehört. Dort steigt er kontinuierlich die Karriereleiter empor und scheidet 20 Jahre später als Finanzdirektor aus. Zwischen 1977 und 1984 bekleidet er die Position des Verwaltungsdirektors in der Eni-Zentrale in Rom. Zwischen 1984 und 1988 ist er Assistent des damaligen Konzern-Präsidenten Franco Reviglio. Danach folgt ein Jahr als Personalvorstand. Zwischen 1990 und 1993 leitet er die Textilmaschinenfirma Savio, parallel führt er als Präsident ein Jahr lang die Düngemittelfirma Enichem Agricoltura. Beide Unternehmen werden in dieser Zeit privatisiert. Von 1993 bis 1998 ist er zunächst Vorstandschef, danach Präsident der Chemiesparte der Gruppe, Enichem. Seit 1998 leitet er in derselben Position den Gesamtkonzern. Mincato ist Vizepräsident des Arbeitgeberverbandes Confindustria und sitzt im Verwaltungsrat des Mailänder Opernhauses „Teatro alla Scala“.

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