Vom Börsen-Crash hat sie sich bis heute nicht richtig erholt
Die Rückkehr der Prophetin

Sie ist wieder da. Abby Joseph Cohen, Prophetin des Aktien-Aufschwungs Ende der 90er Jahre und Ikone aller Bullen, äußert sich wieder zur Lage der US-Nation. Und siehe da, die amerikanische Portfolio-Strategin von Goldman Sachs sprüht nur so vor Optimismus.

LONDON. Seit fast einem Jahr geht es an den Märkten – mit Unterbrechungen – aufwärts. Da machen die Prognosen wieder Spaß. Vor Journalisten in London erläuterte die Dame in den Fünfzigern dieser Tage in flüssigen Worten das US-Wachstum („eine tatsächliche Erholung“), den Bullen-Markt bei den Aktien („der ist real“) und die Nachhaltigkeit amerikanischer Unternehmensgewinne („ein wirklicher Aufschwung“). Natürlich wies sie darauf hin, dass sie als erste die Erholung des amerikanischen S&P-Index prophezeit hat, als dieser noch bei läppischen 750 Punkten stand. Momentan liegt er wieder weit über der 1000er Marke, und der „Konsens hat sich unserer Meinung angeschlossen“.

Und ebenso selbstverständlich brachte sie der – mittlerweile lichteren – Fangemeinde eine Botschaft in zwei Teilen mit. Erstens: Aktien werden sich bald wieder deutlich besser entwickeln als Anleihen. Zweitens: Die Zeit der defensiven Dividendentitel ist vorbei. Potenzial bieten jetzt Papiere mit einem hohen Beta, also mit größeren Entwicklungschancen bei höherem Risiko. Wer die Augen schloss, konnte sich mühelos in Zeiten zurückversetzen, als Anleger an Kursverdoppelung im 14-Tagesrhythmus glaubten, die Wirtschaft in Schwung war und sich Worte von Frau Cohen sofort in Aktienkursen niederschlugen.

Zwar ist es nicht so, dass Abby Cohen in den letzten Jahren verschollen wäre. Nur hörte kaum jemand mehr auf die Frau, die Anfang der 90er Jahre durch die frühe Prognose des Börsenbooms in einen Kultstatus hineinwuchs. Es ging ihr wie anderen Gurus vom Schlage einer Mary Meeker: Sie, deren Popularität zeitweise der eines Hollywoodstars glich, sanken in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends in den Ranglisten der Fondsmanager deutlich ab. Zwar bestand Cohens einziger Fehler darin, dass sie zu spät auf die Bremse getreten hatte. Aber das war genug, um in einem dreijährigen Bärenmarkt von den Investoren abgestraft zu werden.

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