Von heute auf morgen völlig von gestern
Was uns die Ritter über Technologiewechsel lehren

Nachdem sich der Gegner nicht mehr an die Regeln der Ritter hielt, waren die einst Übermächtigen chancenlos im Kampf.

DÜSSELDORF. Wir befinden uns im Hundertjährigen Krieg. Es ist das Jahr 1346. In Crcy, nördlich der Somme, stehen die Franzosen den Engländern mit einer fünffachen Übermacht an Soldaten gegenüber. Um von den französischen Rittern in ihren blitzenden Rüstungen nicht überrannt zu werden, haben die Engländer gut ausgebildete Bogenschützen als Flankenschutz für ihre Kavallerie aufgestellt. Jeder dieser Schützen ist ausgebildet, Ziele in 180 Metern Entfernung innerhalb einer Minute präzise zu treffen.

Die Franzosen rücken vor, doch schon die erste Angriffswelle der stolzen Ritter bleibt stecken in einem Hagel von mörderischen Pfeilen der Engländer. Verzweifelt versuchen die Franzosen Angriff um Angriff. Doch jede neue Welle endet im Durcheinander von neuen Pfeilen und blutenden, sich windenden Körpern der Ritter und ihrer Pferde. Als nach eineinhalb Stunden klar ist, dass der Kampf verloren gegeben werden muss, lässt sich der blinde König von Böhmen, der an der Seite der Franzosen kämpft, auf sein Pferd setzen und in die Schlacht führen. Mit seinen Mannen zu sterben gebietet ihm die ritterliche Ehre. Gnadenlos wird er auf der Stelle abgeschlachtet von den englischen Soldaten.

Die Ritter, hoch zu Ross in ihren blitzenden Rüstungen, waren für Jahrhunderte das Symbol für Stärke und Macht. Doch gegen Mitte des 13. Jahrhunderts verlieren sich plötzlich die Berichte über ihre glorreichen Schlachten. Mit einem Schlag war alles aus.

Die größte Stärke des Ritters – seine Rüstung – verwandelte sich plötzlich in seine größte Schwäche. Im Kampf gegen die neuen Bogenschützen taugte sie nicht mehr, und sie war viel zu klobig, zu schwer und zu lästig im Kampf gegen gut ausgerüstete Bodentruppen.

Der ritterliche Rüstungspanzer, der im 13. Jahrhundert in Gebrauch war, schützte gut gegen Pfeile von kleinen Handbogen. Geschosse von Kreuzbogen jedoch und von englischen Langbogen, die aus erstklassiger elastischer Eibe geschnitzt waren und – am unteren Ende in den Boden gebohrt – mit ganzer Körperkraft abgeschossen wurden, konnten die Ritterrüstung durchschlagen.

Völlig hilflos war der Ritter auch, wenn er vom Pferd fiel. Ein verwundeter Ritter wurde oft grausam gequält von den Fußtruppen des Gegners. Sie waren scharf auf die Beute: die Rüstungen. Denn damit gab es einen schwungvollen Handel im Mittelalter. Sie trieben es also so lange, bis der Ritter letztlich „ins Grass biss“ – ein Bild, das aus dem ritterlichen Milieu des Mittelalters stammt.

So erging es im Jahr 1256 auch dem jungen deutschen König Wilhelm von Holland. Im Kampf gegen die Friesen brach er auf seinem Pferd durch das winterliche Eis. In seiner Rüstung steckte der arme Mann im Eis fest, unfähig, sich zu bewegen. Er wurde geprügelt wie ein Hund.

Ohne dass die Ritter wirklich verstanden hätten, was mit ihnen geschah, verloren sie ihre Macht und wurden fast über Nacht zum Auslaufmodell. Und mit dem Ende ihrer militärischen Überlegenheit fielen auch die idealisierten Werte ihrer sozialen Schicht.

Der Ritter nämlich war gebunden an genau definierte Regeln des Kampfes, fast wie bei einem Gesellschaftsspiel. Wer immer noch nach diesen Regeln kämpfte, war in der neuen Zeit besonders verwundbar,denn der Feind hielt sich nicht mehr an die Regeln. Niederlage und Tod waren fast unvermeidbar.

So verlor zum Beispiel der 16jährige Kind-König Konradin die Schlacht von Tagliacozzo, wo er 1268 in einen Hinterhalt der Franzosen geriet. Mit solchen miesen Tricks hatte Konradin nicht gerechnet, denn sie waren völlig gegen die ritterliche Ehre des fairen Kampfes Mann gegen Mann.

Die Franzosen aber hielten es mit der Moral nicht so genau. Dass andere als ehrenhafte Methoden manchmal besser zum Ziel führen, hatten sie im Kampf um das Heilige Land von den Arabern gelernt.

Zum Beispiel Cisco

Was den Ritter widerfuhr, bezeichnen wir als „disruptive Technologien“: Technologien, die eine ganze Branche auf einen neuen Standard bringen. In der Telefonie gab es in den 90er Jahren eine solche Entwicklung. Beim Telefonieren wurde bis dahin für zwei Gesprächspartner eine Leitung komplett blockiert. Die großen Hersteller von Vermittlungsanlagen bauten diese immer größer und effizienter.

Ein Erfinderpaar aus Stanford jedoch hatte 1984 eine völlig andere Idee: Warum eine ganze Leitung für ein Gespräch blockieren? Warum nicht das Gespräch in kleinste Pakete zerteilen, in aufgelöster Form über das Netz schicken und am Ende wieder zusammensetzen?

Ein erbitterter Kampf entstand zwischen der zentralistischen Techniklogik gigantischer Vermittlungsanlagen und der Logik dezentraler, kleiner Pakete. Zunächst schien es, dass die Stanford-Forscher ein Killer-Argument gegen sich hatten: Sprache sei aus Gründen der akustischen Qualität nicht zu zerpflücken wie Daten.

Heute ist klar, dass „voice“ nichts anderes ist als „data“. Und der US-Konzern Cisco, der aus der Erfindung des Professorenpaares hervorging, produziert Weichen, Kreuzungen und Verkehrsregeln, die Netzknoten und -verbindungen so steuern, dass Milliarden von Gesprächs- und Datenfetzen wieder da zusammenkommen, wo sie gebraucht werden.

Zuerst verkaufte Cisco nur an Industrieunternehmen, danach an Newcomer der Telekom-Branche, und erst später an Telefonkonzerne. Diese erlitten zunächst erhebliche Einbußen. Nach zehn Jahren jedoch stehen diejenigen von ihnen wieder besser da, die beide Paradigmen vereinen können. Dennoch: Das Zeitalter großer Vermittlungsanlagen ist für immer vorbei.

Fazit: Bolko von Oetinger
„Perfektion führt zum Stillstand. Man kann ein Geschäft zu Tode optimieren, bis es am Ende hocheffizient untergeht. Ewiges ,besser machen’ stößt an Grenzen, ,anders machen’ öffnet dagegen neue Räume. Oder um es mit mit Goethe zu sagen: Nur das Unzulängliche ist produktiv.“

Das Buch dazu: Fatally Antiquated Knights, Horst Fuhrmann, C.H. Beck, München, 1987

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