Vor allem jüngere Führungskräfte sind von Irrlehren geprägt
Wertsteigerung ist das falsche Ziel

Der Börsenwahnsinn hat Unternehmens- und Investorenziele gleichgesetzt. Ein kollektiver Irrtum.

DÜSSELDORF. Mit der Ernüchterung an den Börsen und den zunehmend roten Zahlen auf den Konten der Anleger zeigt sich auch bei den Wirtschafts-Schlagwörtern der letzten Jahre, dass sie nur gut verpackter Mangel an Sachverstand waren.

Dazu gehören unter anderem größere Teile des Wertsteigerungsthemas, insbesondere die Vorstellung, Wertsteigerung müsse einziges Ziel und oberster Zweck eines Unternehmens sein. Ein anderer Irrtum ist die Verwechslung von Investor und Unternehmer. Besonders jüngere Führungskräfte sind von damit zusammenhängenden Irrlehren geprägt, weil sie keine Gelegenheit hatten, etwas anderes zu lernen.

Es ist nicht der Zweck des Unternehmens, wertvoll zu sein. Auch wenn Aktionäre das im Sinn haben mögen, wenn sie Aktien mit Unternehmen verwechseln.

Aus diesem Grunde findet sich auch in keinem Gründungsstatut ein Satz nach dem Muster, dass „hiermit eine Aktiengesellschaft gegründet wird, mit dem Zwecke, wertvoll zu sein“. In den Statuten finden sich andere Zweckbestimmungen: etwa der „Handel mit Waren aller Art“ oder „das Betreiben von Bankgeschäften“ oder „die Herstellung von Software“.

Kundenzufriedenheit ist das wichtigste Ziel

Ein Unternehmen muss auf seinem Gebiet wettbewerbsfähig sein, nicht wertvoll. Konkurrenzfähig ist ein Unternehmen, wenn es das, wofür der Kunde bezahlt, besser kann als andere. Sinn und Zweck eines Unternehmens ist es nämlich nicht, Arbeitsplätze oder Shareholder-Value zu schaffen, sondern die Kundenzufriedenheit, den Customer Value, zu vermehren.

Zwischen dem Wert eines Unternehmens und seiner Konkurrenzfähigkeit gibt es keinen kausalen Zusammenhang. Man kann, wie es die Börse jetzt täglich zeigt, nicht vom Wert der Aktie auf die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens schließen. Man kann daraus nur auf Naivität, Gier und Angst der Anleger Schlüsse ziehen. Umgekehrt kann es einen Zusammenhang geben, es muss aber nicht so sein.

Der Kunde bezahlt nicht für den Wert des Unternehmens; er bezahlt für den Wert der Produkte oder Dienstleistungen. Nur was er als wertvoll empfindet, wird er kaufen und bezahlen.

Ob dieser Kauf den Wert des Unternehmens steigert, ist für ihn bedeutungslos. Wer mit Wertsteigerung operieren will, muss also die Kundenzufriedenheit steigern. Erst lange danach kommt der Unternehmenswert, der Shareholder Value.

Gefährliche Verwechslung von Investor und Unternehmer

Für die unternehmerische Tätigkeit stellt sich die Frage nach dem Unternehmenswert überhaupt nicht, sondern stattdessen stellt sich jeden Tag neu die Frage nach der Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit.

Der Shareholder-Value und seine rechnerische Ermittlung sind gar nicht für die Unternehmensführung entwickelt worden, sondern für den Handel mit Unternehmen – und zwar in Zusammenhang mit der in der zweiten Hälfte der 80er Jahre angelaufenen Merger- und Akquisitionswelle.

Doch damit wurde die Aufmerksamkeit auf die einfachste Seite des Wirtschaftens gelenkt: auf die Verteilung des Unternehmensergebnisses. Die schwierige Aufgabe ist es aber, dieses durch geschickte Unternehmens-Führung zu erwirtschaften.

Was hier vorliegt, ist die gefährliche Verwechslung von Investor und Unternehmer. Die Interessen von Investor und Unternehmer sowie die Logik ihrer Situation sind grundverschieden. Zwar muss jeder Unternehmer ein Investor sein, aber nur wenige Investoren sind Unternehmer. Es lässt sich auch aus einer Einsicht aller Großkapitalisten aller Epochen ableiten: If you can’t sell – you have to care...

Der Investor operiert auf Zeit; er ist an seinen Papieren interessiert solange sie rentieren. Im Gegensatz zum Unternehmer: Dessen Tätigkeit ist vom Prinzip her auf Dauer angelegt.

Der Investor-Aktionär gibt bei Schwierigkeiten auf – he sells. Der Unternehmer-Aktionär reagiert bei Schwierigkeiten ganz anders: er kämpft – he cares... Aus welchen Gründen er das tut, ist zweitrangig; wichtig ist, dass er es tut.

Jede Zeit hat ihre Helden

Der Investor ist an einer Ressource interessiert – an Geld – und deren Ertrag maximiert er. Die unternehmerische Aufgabe ist aber auf mehrere Ressourcen gerichtet, sie ist definiert als die Kombination von Ressourcen: möglichst kreativ, möglichst neu, möglichst produktiv.

Der Investor-Aktionär ist nur am finanzwirtschaftlichen Ertrag interessiert. Dem Unternehmer-Aktionär ist der Finanzertrag natürlich auch nicht gleichgültig; er muss aber zwangsläufig an der Leistung und Leistungsfähigkeit des Gesamtunternehmens interessiert sein. Auch wenn ihm das nicht immer passt – er hat keine andere Wahl.

Für den Investor ist die Börse unabdingbar. Wenn es sie nicht gäbe, könnte er seine Investorenziele weder verfolgen noch erreichen. Er müsste zum Unternehmer mutieren. Der Unternehmer aber braucht keine Börse. Es gab Unternehmer lange bevor es Börsen gab, und es gab sie auch, als Börsen und Banken zusammenbrachen.

Der Investor-Aktionär, insbesondere jener des Shareholder-Value-Typs, tritt nur in Bull-Markets auf. Der Unternehmer-Aktionär hingegen ist ein wirtschaftlicher Allwetter-Typ.

Jede Zeit hat ihre Helden und jeder muss selbst entscheiden, ob er dazu gehören will. Die Helden unserer Zeit sind die Investor-Aktionäre. Die Folgen der unheilvollen Verwechslung von Investor und Unternehmer im Verbund mit falsch verstandenen Unternehmenszwecken und Wertsteigerungsvorstellungen werden erst dann für alle erkennbar sein, wenn sich der Wall Street-Dunst verzogen hat. In Japan sind die Schäden seit Jahren sichtbar, und ein Ende ist trotz aller Regierungsprogramme noch nicht sichtbar. Man könnte daraus lernen.

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