Vorschlag zur Juristenausbildung facht Diskussion an
Wann ist ein Anwalt ein Anwalt?

Seit die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) jüngst ihr Modell der Bachelor- und Masterstudiengänge für Juristen vorgetragen hat, ist wieder Bewegung in die Diskussion um die Juristenausbildung gekommen. Die Ressentiments gegen eines mit dem restlichen Europa vergleichbaren Studiengangs scheinen langsam zu bröckeln.

GARMISCH. Die Justizpolitikerin hat den Erhalt der hiesigen Ausbildungsqualität in das Zentrum ihrer Überlegungen gestellt. Der Vorstoß kommt überraschend, da sich laut Koalitionsvertrag an der traditionellen Juristenausbildung, bestehend aus erstem und zweitem Staatsexamen, möglichst lange nichts ändern soll. Auch die Justizministerkonferenz verschaffte sich eine Verschnaufpause, indem sie beschloss, über dieses heiße Eisen spätestens im Jahr 2008 neu zu beratschlagen.

Das Modell von Müller-Piepenkötter sieht vor, dass Jura-Studenten künftig ein vierjähriges Grundstudium an einer juristischen Fakultät absolvieren, das mit einem Bachelor-Abschluss endet (LL.B.). Die besten 40 Prozent unter den Absolventen können daran anschließend in einem einjährigen Aufbaustudium den Masterabschluss anhängen (LL.M.). Diese dann insgesamt fünfjährige juristische Ausbildung stellt gegenüber dem bisherigen vierjährigen Studium sogar ein Mehr an Ausbildungszeit dar - allerdings mit dem Vorteil, dass auch diejenigen Studierenden, die entweder nicht die Fähigkeiten oder den Wunsch haben, sich langjährig zu Volljuristen ausbilden zu lassen, einen echten berufsqualifizierenden universitären Abschluss erhalten. Wer dann nach dem Masterabschluss weitermachen möchte, der muss, um in den Referendardienst hineinzukommen, das erste juristische Staatsexamen ablegen. Daran anschließend folgt dann das zweite Staatsexamen, das allein dazu berechtigen soll, Anwalt zu werden und damit professionellen Rechtsrat nach dem neuen Rechtsdienstleistungsgesetz, das dieser Tage im Bundesrat verhandelt wird, erteilen zu dürfen.

"Es ist gut und richtig, dass wir dieses Konzept weiter verfolgen", begrüßt Rechtsanwalt Peter Ströbel, der Vorsitzende des BRAK-Ausschusses zur Reform der Anwaltsausbildung, die NRW-Initative. Auch die Präsidenten der regionalen Rechtsanwaltskammern wollen sich im November mit dem Vorschlag beschäftigen. Ohne dem Ergebnis der Verbandsjuristen vorgreifen zu wollen, hält Ströbel das jüngste Reformmodell durchaus für sinnvoll. Den einzigen Schwachpunkt des NRW-Modells sehen Kritiker bei den Bachelor-Absolventen. Für die gibt es nämlich derzeit noch kein klares Berufsbild. Doch das kann man natürlich ebenso gut von den derzeitigen Absolventen des 1. oder 2. juristischen Staatsexamens sagen, die zunehmend keinen Job mehr in den klassischen juristischen Berufen finden. Dann sind sie sich aber meist schon jenseits des 30. Lebensjahres.

Bachelor-Absolventen sind dagegen weit unter 30 Jahre jung und können sich leichter an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpassen oder mit ihrer fundierten juristischen Grundausbildung auch noch die Fachrichtung wechseln. Umstellen muss sich sicherlich auch die ein oder andere juristische Fakultät. Der hehre wissenschaftliche Anspruch wird in bisheriger Reinkultur nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Doch das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%