Vorstandschef wird Chairman
HSBC bricht Verhaltensregel

Die britische Großbank HSBC hält an ihren Traditionen fest, auch wenn sie damit gegen – freiwillige – Verhaltensregeln verstößt. Gestern benannte das Institut Stephen Green als Nachfolger für den Executive Chairman Sir John Bond, der Ende Mai nächsten Jahres im Alter von 65 Jahren ausscheidet. Der 57-jährige Green arbeitet seit 2003 als Vorstandsvorsitzender bei der Bank.

HB LONDON. Wie bisher in ihrer 140-jährigen Geschichte ersetzt die drittgrößte Bank der Welt damit die wichtigste Position von innen. Die Berufung des Laienpredigers Green widerspricht allerdings den in Großbritannien gültigen Grundsätzen für gute Unternehmensführung: Demnach sollten Firmen die Position ihres Chairmans nicht mit früheren CEOs besetzen, um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden. HSBC muss den Regeln zufolge nun ihren Aktionären die Gründe der Berufung erläutern.

Das dürfte jedoch kein Problem sein. Die wichtigsten institutionellen Anleger seien ohnehin informiert worden, hieß es gestern aus dem Hauptquartier im Londoner Stadtteil Canary Wharf. Auch gilt Green als gute Wahl. Das zeigte die positive Reaktion des Aktienkurses, der stärker als der Gesamtmarkt zulegte.

Der Vater zweier Kinder besitzt deutlich weniger Charisma als der flamboyante Sir Bond, der bei öffentlichen Auftritten regelrecht aufblüht und die Bank zu einem der aggressivsten Aufkäufer der vergangenen Jahre formte. Der groß gewachsene und schlanke Green hält sich lieber im Hintergrund und bleibt selbst im persönlichen Gespräch zurückhaltend. Geschätzt wird er in der Bank jedoch wegen seiner analytischen Fähigkeiten. Analysten verbinden mit seinem Namen stets das Attribut „sichere Hand“. Dass Green, ein exzellenter Deutschland-Kenner mit guten Sprachkenntnissen, an die Spitze rückt, verwundert daher nicht.

Der neue Chairman arbeitet seit fast einem Vierteljahrhundert bei dem asiatisch-britischen Institut. Für die Bank war er lange Jahre in Europa, Asien und den USA tätig. Vor seiner Tätigkeit als CEO verantwortete er das Investment-Banking. Dort hielt er sich freilich eher zurück. Der Versuch, die Bank zu einem wichtigen Spieler in den prestigeträchtigeren Feldern Fusionsberatung und Aktienemissionen zu formen, begann erst nach seiner Amtszeit. Es ist daher interessant zu beobachten, wie begeistert Green das Projekt verfolgt. Bislang ist noch nicht festzustellen, ob der Versuch der HSBC am Ende von Erfolg gekrönt sein wird.

Auf Greens Position des Chief Executives rückt der 52-jährige Michael Geoghegan. Damit erhält der bisherige Leiter des britischen Geschäfts den Lohn für seine harte Arbeit in den vergangenen Jahren. Geoghegan krempelte seit 2004 die Bank auf dem Heimatmarkt um, die durch hohe Konkurrenz sinkende Margen und fallende Marktanteile verkraften musste. Mit umfangreichem Stellenabbau und aggressiven neuen Verkaufszielen machte er gleich auf sich aufmerksam. Auch gilt er in der City als deutlich öffentlichkeitswirksamer als Green und damit als gutes Gegenstück zum designierten Chairman. Und dass die Bank – ihrer alten Tradition gemäß – schon jetzt die Zeit nach Green vorbereitet, erfordert ebenfalls keine allzu gewagten Spekulation.

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