Votum: Scham- und maßlos – aber nicht strafbar

Votum
Scham- und maßlos – aber nicht strafbar

Neulich auf der Düsseldorfer "Kö" kam mir Klaus Esser entgegen. Der Ex-Mannesmann-Chef ist klein, unscheinbar, ich hätte ihn fast übersehen. Als er mir dann aber doch auffiel, konnte ich nur noch an eins denken: 30 Millionen Mark! 30 Mill. DM Prämie hat Esser kassiert bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone.

Haben Sie eine Vorstellung, wieviel das ist? Passt so viel Geld eigentlich noch in einen Aktenkoffer? Oder braucht man dafür schon einen Kleintransporter? Bill Bryson, amerikanischer Schriftsteller, hat einmal errechnet, wie lange man benötigt, um derart viele Dollar zu erwirtschaften, wenn man pro Sekunde auf jede Dollarnote nur seine Initialen setzt (24 Stunden lang ohne Pause). Man braucht mehr als ein ganzes Jahr.

Unbestritten also: 30 Mill. DM sind unverschämt viel Geld. Niemand kann behaupten, soviel "verdient" zu haben. Doch wegen Schamlosigkeit steht Klaus Esser heute nicht vor Gericht. Ihm und einigen Mannesmann-Aufsichtsräten (darunter Deutsche Bank-Chef Ackermann und Ex-DGB-Boss Zwickel) wird vorgeworfen, sich oder andere bei der Übernahme durch Vodafone bereichert zu haben, indem sie horrende Prämien kassiert bzw. abgesegnet haben. Insgesamt geht es um 111 Mill. DM. Die Staatsanwaltschaft nennt das Untreue und Beihilfe dazu.

Untreue aber ist ein äußerst schwammiger Straftatbestand. Sind anstößig hohe Prämien schon eine Veruntreuung von Firmengeldern? Ist ein Aufsichtsrat, der das nicht stoppt, ein Fall für den Strafrichter? Oder sind die Aktionäre schon durch das Aktienrecht ausreichend geschützt? Die Staatsanwälte werden am Ende wohl einsehen müssen: Das Strafrecht ist hier fehl am Platze. Es ist kein Instrument, um Scham- und Maßlosigkeit zu sanktionieren.

Der Strafprozess hat gleichwohl sein Gutes. Denn er zerrt nicht nur die Selbstbedienungsmentalität in Großunternehmen ans Licht. Er stößt auch eine Diskussion an - um die Transparenz von Gehältern und die Moral des Verzichts. In Zeiten, in denen Arbeitnehmer haufenweise entlassen werden, während das Salär ihrer Chefs steigt, hat Deutschland diese Diskussion bitter nötig.

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