Wal-Mart-Chef H. Lee Scott
Druck von allen Seiten

Aktionäre von Wal-Mart meutern wegen des schlechten Börsenkurses, Gewerkschafter rufen zum Boykott der Läden auf: Vorstandschef H. Lee Scott ist mit der kompromisslosen Expansion des weltgrößten Handelskonzerns in einer Sackgasse gelandet

NEW YORK. Er kann einfach nicht genug kriegen: 345 Milliarden Dollar setzt sein Konzern um – etwa achtmal so viel wie Microsoft. Vorstandschef H. Lee Scott will dennoch, dass das Unternehmen weiter expandiert, dass Wal-Mart, der weltweit größte Handelskonzern, noch größer wird. „Wir setzen alles daran, unsere Kapitalrendite zu verbessern und in den Vereinigten Staaten weiter zu wachsen“, ruft Scott am Freitag seinen mehr als 15 000 Aktionären auf dem Campus der University of Arkansas zu.

Vorbei die Zeiten, als bei Wal-Mart Bescheidenheit gepredigt wurde. „Think small“, bläute Firmengründer Sam Walton seinen Mitarbeitern mal ein und schrieb ihnen ins Stammbuch: „Vor allem sind wir Kleinstadthändler.“ Mit dieser Philosophie machte der inzwischen verstorbene Walton das Unternehmen groß und die Aktionäre glücklich.

Doch auch diese Zeiten sind vorbei und Sam Waltons Erbe bekommt das auf der Hauptversammlung zu spüren: Zwar haben die Wal-Mart-Strategen unter anderem Stars wie Jennifer Lopez im Vorprogramm aufgeboten, doch das lässt die aufgebrachten und krittelnden Aktionäre nicht verstummen – genauso wenig wie die Ankündigung, dass der Konzern weiter wachsen will. Die einen werfen Scott den schlechten Börsenkurs vor. Andere zeigen mit dem Finger auf das Salär des Konzernchefs, das laut Aktionärin Susan Mica 600-mal höher ausfällt als der Durchschnittslohn eines amerikanischen Wal-Mart-Arbeiters. Dem US-Magazin „Forbes“ zufolge hat Scott rund 60 Millionen Dollar seit seinem Amtsantritt 2000 kassiert, obwohl der Aktienkurs in der Zeit gesunken ist. „Würde Sam darauf stolz sein?“ fragt das nicht eben für Neiddebatten bekannte Magazin.

Sam Walton hat es leichter gehabt. Seine Wachstumsformel, über die niedrigsten Kosten seinen Kunden die niedrigsten Preise anzubieten und damit die Konkurrenz auszustechen, funktionierte vier Jahrzehnte lang prächtig. Jetzt aber, da Wal-Mart bereits 3 500 riesige US-Märkte betreibt und mithin ganze Innenstädte leer gefegt hat, kämpft Scott nicht nur gegen öffentlichen Widerstand von allen Seiten, sondern auch mit Sättigungserscheinungen.

Die „Business Week“ wähnt Wal-Mart in der „Midlife-Krise“: Neue Megastores kannibalisieren die alten, das flächenbereinigte Wachstum in den USA tendiert gegen null. Im April 2007 lagen die Umsätze sogar mit 3,5 Prozent im Minus – ein akutes Alarmsignal, warnen Analysten.

2006 ließ Scott fast im Tagesrhythmus ein „Supercenter“ nach dem anderen aus dem Boden stampfen, ehe er am Freitag zum ersten Mal auf die Bremse trat. Statt 270 Märkte wie im Vorjahr würden in den USA künftig nur noch 190 bis 200 neue Läden eröffnet, teilte Scott mit. Das eingesparte Kapital will er in ein Aktienrückkaufprogramm stecken.

Organisationen wie „Wakeup-Walmart.com“ kann der Konzernchef damit nicht besänftigen. Pünktlich zur Hauptversammlung präsentierte das gewerkschaftlich finanzierte Netzwerk einen Anti-Werbespot, der dem größten Importeur chinesischer Waren eine systematische Schwächung Amerikas vorwirft („Wal-Mart: It’s not American anymore“). Die Liste der Vorwürfe an den Handelsriesen ist lang und wird länger: Sie reicht von massiven Geschäftsverlagerungen nach Fernost über die schlechte Bezahlung seines Personals bis hin zur Diskriminierung von Frauen.

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