Warum Alfred Tacke in die Wirtschaft wechselt
Müllers Sherpa

Einmal in seinem Leben hat der Mann mit den lebendigen blauen Augen und der ziemlich hohen Stirn wirklich im Rampenlicht gestanden: Am 5. Juli 2002 in Berlin. Alfred Tacke, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, wippt vorsichtig mit den Füßen, er hält die Arme vor der Brust verschränkt, manchmal lächelt er, wenn es knipst. In wenigen Sekunden wird die Pressekonferenz beginnen, auf der Tacke verkündet, dass er die Übernahme der Ruhrgas AG durch den Energiekonzern Eon genehmigt – trotz des Verbots durch das Bundeskartellamt.

DÜSSELDORF. Tacke, das ist in diesem Moment einer der Mächtigen im Lande. Die FAZ schreibt, bei ihm konzentriere sich die „wirtschaftspolitische Macht in Deutschland“. Wahrscheinlich ist es aber auch so, dass genau dieser Tag einen Wendepunkt in der Karriere des Alfred Tacke markiert.

Seit dem Wochenende ist klar, dass Gerhard Schröders einst wichtigster Berater die politische Bühne verlässt, politisch zumindest kühl gestellt, entnervt vom Lauf der Dinge in Berlin, seit längerem schon auf der Suche nach Alternativen. Tacke wechselt ins Ruhrgebiet und übernimmt den Posten des Vorstandschefs des Energieunternehmens Steag. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Tackes neuer Chef auch einmal sein alter war: Werner Müller, früher Wirtschaftsminister, seit einem Jahr Vorstandschef der RAG und in dieser Position auch Aufsichtsratsvorsitzender der RAG-Tochter Steag.

Berlin ist seit dem Wochenende umso mehr in Aufregung. Denn einerseits freut sich die Opposition über die Tatsache, dass sich mit Tackes Abgang ein Hauch von Endzeitstimmung im rot-grünen Kabinett verbreitet. Andererseits kocht fast reflexhaft die oppositionelle Empörung hoch: Tacke, der Mann der im Auftrag Müllers die Eon-Fusion durchgewunken hat, geht jetzt zu einem Unternehmen, bei dessen Mutter der größte Aktionär wiederum Eon heißt. FDP-Chef Guido Westerwelle will den Fall vor den Bundestag bringen. „Es riecht nach Filz und Klüngel, wenn ein Politiker nach dem anderen jetzt im Kohlebereich untergebracht wird“, sekundiert der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers.

In der RAG-Zentrale in Essen hält man den Vorwurf des roten Filzes für „eine Unverschämtheit“. Konzernchef Werner Müller gehöre keiner Partei an und sei deshalb weder der SPD noch einer anderen Partei einen Freundschaftsdienst schuldig. Außerdem sei die RAG nicht unmittelbarer Nutznießer der Ministererlaubnis für die Ruhrgas-Übernahme durch Eon. Doch selbst die Grünen in Berlin sehen den Wechsel mit Argwohn. „Das hat schon einen schlechten Beigeschmack“, sagt die Energieexpertin der Grünen im Bundestag, Michaele Hustedt.

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