Was Schmetterlinge über Größe und Erfolg lehren
Klein und frech kann auch ein Rezept sein

Wenn Schmetterlinge ihr Revier verteidigen, spielt ihre Größe in der Regel die entscheidende Rolle. Und so ist es auch normal in der wettbewerbsbetonten Welt der Tiere: Größer und niederträchtiger ist immer besser und obsiegt im Überlebenskampf.

Deshalb ist es überraschend, Beispiele zu finden, in denen kleinere, weniger mächtige Mitglieder einer Art einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den großen Tieren haben.

Ein solcher Fall ist der tapfere kleine Schmetterling Helioconius sara. Die beiden Forscher Malva Hernandez und Woodruff Benson von der Universität Campinas in Brasilien haben herausgefunden, dass bei dieser Spezies kleine Männchen gleichbleibend viel erfolgreicher darin sind, ihr Territorium zu verteidigen als größere.

Das liegt daran, dass der kleine Kerl viel mehr zu verlieren hat als seine größeren Wettbewerber. Wenn es nämlich um die Begattung geht, hat das Schmetterlings-Männchen zwei Möglichkeiten: Entweder macht es sich über die Weibchen her, die gerade frisch aus ihren Kokons geschlüpft sind, oder es beobachtet sein Territorium in der Hoffnung, dass ein Weibchen vorbei kommt.

In der ersten Methode sind die großen Männchen überlegen, weil sie mit ihren größeren Flügeln im Wortsinne soviel „mehr Wind“ machen, dass die kleineren Männchen vertrieben werden. Deshalb wählen die kleinen Männchen die zweite Methode: Sie verteidigen ihr Territorium und hoffen, dass ein Weibchen vorbei kommt. So haben sie im Laufe der Zeit ihre Kämpfer-Qualitäten ausgebaut und sind viel aggressiver als die großen Männchen. Für diese lohnt sich der Kampf gegen die Kleinen nicht. Sie müssten fürchten zu verlieren.

Die Wissenschaftler sehen in dem Schmetterling Helioconius sara ein Beispiel für eine „paradoxe Strategie“. Dass es so was geben könnte, war bisher nur ein spieltheoretisches Konstrukt der Evolutionstheorie, aber es gab kein lebendes Beispiel.

Ein anderer Fall eines kleinen Strategen aus dem Tierreich ist der Jack-Coho-Lachs. Ein Jack ist eine frühreife, aber klein geratene Variation des Coho-Männchens. Während die großen Lachs-Männchen um die Weibchen kämpfen und sich paaren, schleicht sich der verstohlene Jack heimlich aus dem Hinterhalt an und befruchtet die Eier. Die Zahl der Jacks in einer Population hängt weitgehend von den Umweltbedingungen in dem jeweiligen Jahr ab. Diese spezielle Adaption der Jacks scheint aber sehr vorteilhaft zu sein für die Stabilität und das Überleben der ganzen Lachs-Population.

Fazit: Bolko von Oetinger

„Warnung an den Grenzanbieter, der klein ist, aber alles macht wie die Großen: Die nächste Krise spült ihn weg. Respekt vor dem Kleinen, dessen eigene Erfolgsmuster verlangen, dass er Kunden schneller, flexibler und intensiver verfolgt als der Große. Er ist entweder sehr erfolgreich oder schon lange nicht mehr da.“

Die Artikel dazu: „Fly on, little wing“, The Economist, October 17, 1998; und „The sneaky little Salmon“, Mike Kelly, U.S. Fish and Wildlife Service, April 2000.

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